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„Grüne“ Gentechnik - Chance oder Risiko?

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(c) unsplash.com / CC0 Public Domain

28.02.2013

Zukunfts- oder Risikotechnologie?

Die Nutzung gentechnisch veränderter Pflanzen in der Landwirtschaft und in der Nahrungsmittelproduktion, die sogenannte „grüne“ Gentechnik, spaltet die Gemüter: Befürworter preisen sie als einen Weg zu einer effizienteren Produktion von Nahrungsmitteln und Waffe gegen den Hunger auf der Welt. Ihre Gegner warnen dagegen vor irreparablen Schäden für Ökosysteme und einer Ausweitung von Saatgutmonopolen. Für den Unterricht bietet diese Kontroverse viele Anknüpfungspunkte.

„Grüne“ Gentechnik in der Landwirtschaft

Gentechnisch veränderte Pflanzensorten (GVP) werden seit Mitte der 1990-er Jahre kommerziell angebaut – 2011 auf immerhin 160 Millionen Hektar weltweit. Das ist zehn Mal mehr Fläche als in Deutschland für die Landwirtschaft zur Verfügung steht. Zu den Hauptanbauländern zählen die USA, Brasilien, Argentinien, Indien und Kanada. Angebaut werden dort vor allem insektenresistente oder herbizidtolerante Pflanzen wie Soja, Mais, Baumwolle und Raps. Viele dieser Pflanzen werden als Futtermittel für Tiere genutzt.  

In Deutschland findet derzeit kein kommerzieller Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen statt. Ihre Entwicklung und Erprobung beschränkt sich auf Labore und Gewächshäuser. Freilandversuche – bei denen gentechnisch veränderte Pflanzen auf Feldern oder Äckern ausgesät werden – sind hierzulande eher auf dem Rückzug. Tests mit gentechnisch verändertem Mais oder Kartoffeln wurden wieder eingestellt, nach teils heftigen Protesten von Verbrauchern, Umweltschützern oder Landwirten.

„Grüne“ Gentechnik in Lebensmitteln

Gentechnisch veränderte Tomaten, Bananen, Erdbeeren oder Erbsen gibt es in deutschen Supermärkten bislang nicht zu kaufen. Auch keine Pflanzen, die roh oder zubereitet als Lebensmittel verzehrt werden können. Sie sind in der Europäischen Union nicht zugelassen. In den letzten Jahren gelangten dennoch gentechnisch veränderte Pflanzen, etwa Reis oder Mohn, versehentlich nach Deutschland.

Anders sieht es bei verarbeiteten Lebensmitteln aus, zum Beispiel bei Saucen, Pflanzenölen oder Süßigkeiten. Die können Zutaten aus gentechnisch veränderten Pflanzen wie Soja, Mais oder Zuckerrüben enthalten. Laut Gesetzgeber müssen diese Zutaten auf dem Etikett des Produktes in der Liste der Inhaltsstoffe gekennzeichnet werden – zum Beispiel mit dem Hinweis „aus genetisch veränderter Soja hergestellt“ oder dem Zusatz „enthält genetisch veränderten Mais“. Da die europäischen und deutschen Verbraucher solche Zutaten ablehnen, finden sie selten den Weg in die Supermarktregale.

Wieder anders sieht es nach geltendem Recht mit Eiern, Milch und Fleisch von Tieren aus, die mit gentechnisch veränderten Pflanzen gefüttert werden. Davon erfährt der Verbraucher nichts. Eine Kennzeichnung ist hier nicht vorgeschrieben. Allerdings kennzeichnen einige deutsche Unternehmen, die auf Gentechnik in der Tiermast verzichten, ihre Produkte mit dem freiwilligen, staatlich überwachten Label „Ohne Gentechnik“.

Gentechnik-Gegner halten diese im europäischen Recht fehlende Pflicht zur Kennzeichnung von tierischen Produkten, die mit gentechnisch verändertem Futter erzeugt wurden, für eine gravierende Gesetzeslücke – eben weil der Großteil der weltweit angebauten gentechnisch veränderten Pflanzen zu Tierfutter verarbeitet wird. Laut einer Studie der Umweltstiftung WWF aus dem Sommer 2012 stammen zum Beispiel über 80 Prozent aller Soja-Importe für den deutschen Markt aus gentechnisch veränderten Bohnen.

Verbraucher überwiegend skeptisch

Europäische Verbraucher stehen der „grünen“ Gentechnik überwiegend skeptisch gegenüber. In einer Eurobarometer-Umfrage aus dem Jahr 2010 unterstützten nur 23 Prozent der Europäer die Entwicklung gentechnisch veränderter Lebensmittel. 61 Prozent sprachen sich strikt dagegen aus, 16 Prozent hatten keine Meinung dazu. Im Durchschnitt vertrat eine knappe Mehrheit von 54 Prozent der Europäer die Ansicht, dass gentechnisch veränderte Lebensmittel nicht gut für sie oder ihre Familie sind.
In früheren Eurobaromenter-Befragungen wurde außerdem klar, dass Verbraucher keinen Nutzen in dieser Art der Lebensmittelerzeugung sehen und ein Restrisiko durch die Freisetzung der Organismen nicht eingehen wollen.

Noch skeptischer sind deutsche Verbraucher: In einer aktuelleren Forsa-Umfrage im Auftrag des Bundesverbraucherministeriums vom Juni 2012 lehnten 83 Prozent der befragten Bundesbürger genetisch veränderte Lebensmittel ab. Ein Grund, warum es hierzulande kaum Lebensmittelhersteller gibt, die Zutaten aus GVP direkt verarbeiten. Auch die meisten deutschen Bauern lehnen Gentechnik auf ihren Feldern ab.

Unter Generalverdacht?

Dennoch hat die „grüne“ Gentechnik auch in Deutschland viele Befürworter aus Wissenschaft und Forschung, aus Wirtschaft und Gesellschaft. Sie führen unter anderem an, dass man inzwischen zwar seit über zwanzig Jahren über die potenziellen Gefahren der „grünen“ Gentechnologie streitet – es bisher allerdings noch keinen Hinweis darauf gibt, dass diese Technologie wirklich riskant ist. Die „grüne“ Gentechnik stehe vielmehr unter Generalverdacht. Viele ihrer Vorteile könne sie in einem solchen Umfeld nicht ausspielen.

Welche Vorteile das aus Sicht der Befürworter sind, und was die Gegner der „grünen“ Gentechnik davon halten, zeigt die folgende Gegenüberstellung der immer wieder aufgeführten Argumente für und gegen diese Technologie:

Sechs Argumente der Befürworter der „grünen“ Gentechnik

  • Die „grüne“ Gentechnik eröffne Möglichkeiten, die Welternährung zu sichern – durch Steigerung der landwirtschaftlichen Erträge mithilfe gentechnisch optimierter Pflanzen. Sie gewinne zunehmend Bedeutung, weil Ertragserhöhungen durch die konventionelle Pflanzenzüchtung an Grenzen stoße.
  • Durch die gentechnische Erhöhung der Widerstandsfähigkeit von Pflanzen gegen Insekten oder Pilze könnten Landwirte den Pestizideinsatz verringern. Die Landwirtschaft würde so umweltfreundlicher.
  • Gentechnisch veränderte Nahrungsmittelpflanzen könnten die Folgen von Mangelernährung lindern: Der sogenannte „Golden Rice“ etwa, eine gentechnisch veränderte Reissorte mit deutlich höherem Beta-Carotin-Gehalt, tauge zur Bekämpfung des Vitamin-A-Mangels. Der ist vor allem in armen Ländern verbreitet und gilt unter anderem als eine Ursache für Augen- und Hauterkrankungen, Störungen des Immunsystems und der Fortpflanzung.
  • Die „grüne“ Gentechnik sei sicher: Die Analyse wissenschaftlicher Studien und Langzeitbeobachtungen finde keinerlei Hinweise auf Gefahren für Mensch und Tier. Bevor eine gentechnisch veränderte Pflanze in der Europäischen Union angebaut oder auch nur importiert werden dürfe, müsse sie einen langen Prüfungsprozess durchlaufen.
  • Gentechnik-Pflanzen verbreite sich nicht unkontrolliert – eine Koexistenz mit der konventionellen Landwirtschaft sei unproblematisch, da Landwirte, die GVP anbauen, gesetzlich dazu verpflichtet sind, bestimmte Abstände zu konventionell bewirtschafteten Feldern zu wahren.
  • Die „grüne“ Gentechnik sei ein Innovations- und Wachstumsmotor: Die Forschung an ihr schaffe hoch qualifizierte Arbeitsplätze. Sie böte so Chancen auf neue Arbeitsplätze und könne neue Exportmärkte erschließen helfen.

 

Sechs Argumente der Gegner der „grünen“ Gentechnik

  • Gentechnisch veränderte Pflanzen könnten den Hunger auf der Welt nicht lindern. Sie seien auf die industrialisierte Landwirtschaft in den reichen Ländern zugeschnitten und ungeeignet für Kleinbauern in armen Ländern. Außerdem seien Hunger und Mangelernährung soziale Phänomene, denen nur mit sozialen und politischen Strategien beizukommen sei.
  • Ob die „grüne“ Gentechnik landwirtschaftliche Erträge tatsächlich steigert, sei bisher nicht nachgewiesen. Es gäbe Beispiele für Ertragssteigerungen, ebenso welche für Ertragseinbußen. Zur Verringerung des Pestizideinsatzes in der Landwirtschaft eignen sich gentechnisch veränderte Pflanzen nicht: Werden Schädlinge dauerhaft mit gentechnisch in die Pflanzen eingeschleusten Giften konfrontiert, könnten sie Resistenzen dagegen ausbilden. Statt mit weniger Spritzmitteln müssten die Schädlinge dann mit anderen oder zusätzlichen Pestiziden bekämpft werden. Es drohe eine Aufwärtsspirale.
  • Eine gesunde Ernährung brauche kein „Gen-Food“. Nährstoffmangel ist in erster Linie Folge falscher Ernährungsgewohnheiten. Werden Nahrungsmittelpflanzen gentechnisch verändert, wisse niemand, wohin das führe – die Risiken seien nicht ausreichend geklärt. Auch zum „Golden Rice“ gäbe es bessere und kostengünstige Alternativen: konventionell gezüchtete Pflanzen mit hohem Gehalt an Beta-Carotin zur Vitamin-A-Versorgung etwa oder die Verteilung von Vitamin-A-Präparaten.
  • Gentechnisch veränderte Eigenschaften in der Pflanze und somit die gesamte Pflanze werden durch internationale Saatgutkonzerne patentiert. Wer diese Pflanzen anbauen will, muss den Konzernen Lizenzgebühren zahlen. Setzten sich diese Pflanzen durch, begünstige dies die Entstehung von Saatgutmonopolen – zulasten der Landwirte und Verbraucher.
  • Werden gentechnisch veränderte Pflanzen auf Feldern ausgesetzt, ließe sich deren Verbreitung nicht mehr kontrollieren. Ihre Pollen flögen über Grenzen hinweg und würden auch von Bienen kilometerweit getragen. Abstandsregelungen könnten keine Auskreuzungen von Gentechnik-Pflanzen mit Wild- oder herkömmlichen Pflanzen verhindern.
  • Die „grüne“ Gentechnik vernichte Arbeitsplätze. Sie sei eine Rationalisierungstechnologie und schaffe nur wenige hochqualifizierte Stellen, die die Arbeitsplatzverluste nicht kompensieren können. Da Verbraucher der „grünen“ Gentechnik überwiegend ablehnend gegenüberstehen, führe der Markt für diese Produkte auch in Zukunft allenfalls ein Nischendasein.

 

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