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Politik und Wirtschaft sollten zusammen gedacht und gelehrt werden

19.10.2011

Teil 3 des Interviews mit Professor Reinhold Hedtke

Experten der Finanz- oder Versicherungswirtschaft, die von Unternehmen in den Schulunterricht entsandt werden, können das nicht leisten?

Hedtke: Ich halte solche Entsendungen aus Sicht der Schule für überflüssig. Gut ausgebildete, mit gutem Unterrichtsmaterial ausgestattete Pädagogen können die Sozialversicherung oder die Frage, welche Versicherung ein Schulabgänger braucht, aus eigener Kraft erklären. Versicherungen und Banken drängen ja auch nicht aus Altruismus in die Schulen. Sie wollen Kunden gewinnen, sich bereits Kindern und Jugendlichen mit seriösem Image präsentieren. Schule eignet sich dafür bestens, weil Unternehmen hier den Mantel der Seriosität des staatlichen Schulwesens überstreifen können.

Auf Ihren Unmut trifft auch der Ruf der Finanzindustrie nach einem Schulfach Wirtschaft. Wäre das angesichts der Wirtschaftskrise nicht wünschenswert?

Hedtke: Wirtschaftliche Inhalte wurden in den Schulen in den letzten zehn Jahren schon deutlich ausgeweitet, oft als Fach Wirtschaft/Politik, meistens auf Kosten des Politikunterrichts. Ein eigenständiges Schulfach Wirtschaft würde dazu führen, dass der recht kleine Stundenanteil dieser sozialwissenschaftlichen Fächer auf unterschiedliche Fächer verteilt würde. Wo wäre der Vorteil? In der passgenaueren Lehrerausbildung? Glaube ich nicht. Ein gegenteiliger Effekt träte ein: In der Schulpraxis käme es zu mehr fachfremden Unterricht. Denn Schulen können es sich nicht leisten, zusätzliche Lehrer für Wirtschaft einzustellen. Stellten sie sie ein, müssten sie fachfremd Politik unterrichten. Stellten sie Politiklehrer ein, müssten die fachfremd Wirtschaft unterrichten. Der Zustand wäre also schlechter als der Status quo, denn heute lernen die Studierenden beide Fächer kennen.

Gibt es Stellen, die weniger interessengeleitete Unterrichtsmaterialien für die ökonomische Bildung anbieten?

Hedtke: Mit der Bundeszentrale für politische Bildung haben wir in der politischen Bildung eine Alternative, die einigermaßen ausgewogen arbeitet und teils auch Unterrichtsmaterialien für die ökonomische Bildung bereitstellt. Hilfreich wäre eine staatlich finanzierte Institution, die die ökonomische Bildung vorantreibt – und zwar als ökonomisch-politische Bildung. Politik und Wirtschaft gehören zusammen und sollten deswegen zusammen gedacht und gelehrt werden. Arbeitnehmerverbände, Gewerkschaften oder Verbraucherverbände könnten eine solche Institution mittragen.

Das Bundesverbraucherschutzministerium und der Verbraucherzentrale Bundesverband lassen die Qualität von Unterrichtsmaterialien mit verbraucherrelevanten Themen jetzt von unabhängigen Gutachtern prüfen und bewerten. Die Prüfergebnisse und die Materialien werden Lehrerinnen und Lehrern in einem Online-Materialkompass zur Verfügung gestellt. Taugt dieses Modell Ihrer Ansicht nach auch für weitere Inhalte, ökonomische etwa?

Hedtke: Das Angebot ist zu neu, als dass ich es bewerten könnte. Der Ansatz ist aber meines Erachtens richtig. Wenn wir Lehrern Orientierungshilfe geben wollen, brauchen wir Materialien, die nach transparenten Prüfkriterien evaluiert wurden. Die Gütesiegel, die heute bereits einige Schulbücher zieren, sind oft zweifelhaft. Wir brauchen eine Stiftung Warentest für Unterrichtsmaterialien. Eine Stelle, die mit nachvollziehbaren Kriterien und Gewichtungen sagt, dieses und jenes Material ist aus diesen Gründen und in diesen Dimensionen gut, weniger gut oder schlecht. So könnten Lehrerinnen und Lehrer auch für die vielfältigen Beeinflussungs- und Manipulationsversuche sensibilisiert werden, die sich hinter manchen Materialien verbergen.

Das Interview führte der Berliner Journalist Thomas Wischniewski im Auftrag der Online-Redaktion von verbraucherbildung.de.

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