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Sicherheit in Sozialen Netzwerken gehört in den Schulunterricht

01.05.2012

Interview mit der Regensburger Lehramtsstudentin Sonja Lemberger, Siegerin des Ideenwettbewerbs „Fürs Leben lehren“

Gute Unterrichtskonzepte zur Verbraucherbildung von Kindern und Jugendlichen an Schulen – die hat Bundesverbraucherschutz- ministerin Ilse Aigner mit dem bis Februar laufenden Wettbewerb „Fürs Leben lehren“ gesucht. Den ersten Platz sichern konnte sich die Regensburger Lehramtsstudentin Sonja Lemberger, und zwar mit einer Unterrichtsidee zur Sicherheit in Sozialen Netzwerken. Im Interview erklärt die 25-Jährige ihr Konzept und was Schüler davon halten.

Frau Lemberger, Sie wollen Schülerinnen und Schülern den sicheren Umgang mit Sozialen Netzwerken beibringen. Das ist nötig?

Aus meiner Sicht unbedingt. Facebook, Studi- oder SchülerVZ gehören heute zum Alltag der allermeisten Schülerinnen und Schüler und viele von ihnen glauben, dass sie da schon ganz gut und sicher mit umgehen können. Das stimmt nach meiner Einschätzung nicht immer. Jugendliche wollen alles ausprobieren. Da kann viel schief laufen. Und ihre Eltern können ihnen in Sozialen Netzen oft nicht zur Seite stehen, weil ihnen die eher fremd sind.

Wo sehen Sie Risiken?

Zum Beispiel beim Cybermobbing, also beim Streuen übler Gerüchte über Mitschüler oder Lehrer im Netz. Viele Jugendliche sind sich nicht bewusst, dass sich solche Gerüchte schnell verbreiten und auch nachträgliches Löschen sie nicht unbedingt aus der Welt schafft, wenn die schon auf anderen Seiten gespiegelt wurden. Viele Schüler wissen auch nicht, dass sie sich mit solchen Anwürfen strafbar machen können.

Ihr Unterrichtskonzept vermittelt dieses Wissen?

Ja, auch. Mir geht es darum, den Blick der Schülerinnen und Schüler für die Risiken bei der Nutzung Sozialer Netze zu schärfen. Dafür habe ich ein Konzept mit insgesamt sechs Unterrichtsstunden entwickelt. Auf Cybermobbing liegt ein Schwerpunkt. Zwei weitere liegen auf der Selbstdarstellung in diesen Netzen und auf den Themen Privatsphäre und Datenschutz. Auch der rechtliche Rahmen, Gesetze, die im Internet gelten, spielen eine Rolle. Beim Cybermobbing kommen die schnell zum Tragen.

Was lernen die Schülerinnen und Schüler?

In der ersten Unterrichtsstunde werden sie zunächst an das Thema herangeführt: Was sind Soziale Netzwerke? Warum sind sie so beliebt? Dass sie sich solchen Zulaufs erfreuen, hat ja gute Gründe und diese Netze sind auch nicht per se schlecht. Deswegen spare ich mir den erhobenen Zeigefinger. In der zweiten bis vierten Unterrichtsstunde lernen sie an verschiedenen Stationen etwas zu Cybermobbing, Selbstdarstellung und Datenschutz. In der fünften Unterrichtsstunde steht PC-Arbeit auf den Plan. Da nehmen die Schüler Online-Profile unter die Lupe. In der letzten Stunde wird das Erlernte mittels einer Checkliste wiederholt.

Können sie die einzelnen Lernstationen an ein, zwei Beispielen erläutern?

Beim Thema Selbstdarstellung geht es darum, sich angemessen im eigenen Online-Profil zu präsentieren. Welche Daten gebe ich Preis, welche besser nicht? Datensparsamkeit ist wichtig. Viele Jugendliche wollen sich lustig präsentieren, stellen Partyfotos online, sogar ihre Handynummer, schützen ihr Online-Profil aber nicht oder nur unzureichend – was schnell nach hinten losgehen kann, wenn das zum Beispiel ein Personalchef entdeckt, bei dessen Unternehmen man sich beworben hat. Im Unterricht übe ich mit ihnen das Erstellen eines sicheren Profils, anhand von ausgedachten Profilen, die so besser nicht im Netz stehen sollten. Aufgabe der Schüler ist es, daraus unter Anleitung ein sicheres Profil zu erstellen.

Wie sieht der Unterricht bei den Themen Cybermobbing und Internetrecht aus? 

Beim Cybermobbing zeige ich ein Video, das so eine Situation nachspielt. Die Schüler müssen die Handelnden charakterisieren und darstellen, wie man sich fair und gesetzeskonform verhalten kann. Recht und Gesetz gelten ja auch im Internet. Vielen ist das aber nicht klar. Sie wähnen sich in einem anonymen Raum, in dem sie tun und lassen können, was sie wollen. Dass das nicht so ist, verdeutliche ich anhand geltender Gesetze, etwa zur Verleumdung oder Bedrohungen. Die Schüler müssen sie lesen und anschließend Beispiele finden, wo diese Gesetze im Netz zum Tragen kommen könnten. Wenn etwa jemand behauptet, Schülerin X sei schwanger, das aber gar nicht der Fall ist.

Ihr Konzept haben Sie schon praktisch erprobt. Wie ist es angekommen?

Anfangs wurde schon etwas gemosert und gefragt: Warum machen wir das, ich weiß doch alles. Das hat sich aber rasch gelegt. Die ganze gesetzliche Lage im Netz etwa war vielen Schülern nicht so bewusst. Und im Nachgang, das weiß ich aus einer anonymen Bewertung der Schüler, fanden sie den Unterricht mehrheitlich sehr gut. Es hat ihnen Spaß gemacht, der Großteil fand die Informationen nützlich. Einige Schüler planten anschließend ihr eigenes Profil sicherer machen. Das freut mich ganz besonders.

Für wen eignet sich Ihr Unterrichtskonzept?

Ich habe das mit einer 8. Klasse an einer Realschule im Deutschunterricht durchgeführt. Es eignet sich genauso für die 7. oder 9. Klasse, auch an Hauptschulen oder Gymnasien, im sozialwissenschaftlichen Unterricht oder im Fach Informationstechnologie.  

Wie sind Sie eigentlich auf das Thema gekommen?

Ich bin sehr an Medien interessiert, studiere neben Deutsch und Geschichte auch Medienpädagogik. Darin habe ich meine Zulassungsarbeit geschrieben, eben zum Thema Sicherheit in Sozialen Netzwerken. Im Unterricht fällt das Thema leider noch oft runter. Ich halte das für einen Fehler, denn Soziale Netzwerke gehören zum Alltag Jugendlicher. Nur nutzen sie viele noch sehr naiv, auch wenn sich das zuletzt etwas gebessert hat.

Medienerziehung wird in Ihrer Heimat Bayern fächerübergreifend gelehrt, ebenso wie die Verbraucherbildung. Wurden Sie in Ihrem Studium auf den Unterricht zur Medienbildung vorbereitet?  

In meinem Erweiterungsfach Medienpädagogik schon. In Deutsch und Geschichte spielte das in meiner Ausbildung nur am Rande eine Rolle. Didaktik kam generell etwas kurz. Das verbessert sich durch die neue Lehramtsprüfungsordnung nun etwas. Das Problem bei fächerübergreifenden Lehrplanvorgaben ist aus meiner Sicht, dass Verantwortlichkeiten da schnell hin-, und hergeschoben werden. Das geht zulasten der Schüler, denn Medien- und Verbraucherbildung bereiten sie konkret aufs Leben vor. Das Einüben solcher Alltagskompetenzen kann sie ja nicht nur vor der Schuldenfalle bewahren, sondern auch vor Straftatbeständen, von denen sie vielleicht gar nicht wussten, dass es sie gibt, siehe Cybermobbing. Deswegen gehören diese Themen aus meiner Sicht stärker in den Unterricht.

Das von Sonja Lemberger entwickelte Unterrichtskonzept „Sicher in Sozialen Netzwerken steht voraussichtlich ab Mitte Mai 2012 zum kostenlosen Herunterladen auf der Website des Raabe-Schulbuchverlags zur Verfügung. Als Online-Kurs wird das Konzept zudem auf der „Moodle“-Plattform des Bayerischen Realschulnetzes (BRN) bereitgestellt.

Das Interview mit Frau Lemberger führte der Berliner Journalist Thomas Wischniewski im Auftrag der Online-Redaktion von verbraucherbildung.de.

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