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Verbraucherbildung in der Praxis: EU-Schulobstprogramm erntet erste Früchte

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(c) artur rutkowski - unsplash.com - CC0 Public Domain

04.10.2012

Studien belegen Erfolge

Kindern schon in den ersten Schuljahren Lust auf Obst und Gemüse und eine gesunde, ausgewogene Ernährung machen: Das hat sich das Schulobstprogramm der Europäischen Union auf die Fahnen geschrieben. In Deutschland nehmen daran Tausende Schulen teil – mit großen Erfolgen, wie erste Studien bescheinigen.

Mit dem seit 2009 laufenden Schulobstprogramm will die Europäische Kommission bösen Trends in Sachen Fehlernährung auf den Leib rücken: EU-weit gelten 22 Millionen Kinder als übergewichtig, fünf Millionen sogar als fettleibig, Tendenz steigend. Appelle, mehr Obst und Gemüse auf den Speiseplan zu setzen, konnten diesen Trend bislang nicht brechen.

Gleichzeitig zeigen Studien und die Erfahrungen von Lehrerinnen und Lehrern, dass viele Kinder heute ohne ausreichendes Frühstück in die Schule kommen oder das mitgebrachte Schulfrühstück nicht den Empfehlungen für eine gesunde und ausgewogene Ernährung entsprechen. Statt Obst-, Gemüse und Getreideprodukte stecken zu oft zuckerreiche Lebensmittel mit wenigen Nährstoffen in den Brotboxen.

Lang anhaltende Energie für den Schulalltag liefern diese Lebensmittel nicht. Sie lassen die geistige und körperliche Leistungsfähigkeit nur kurz hochschnellen, danach folgen Konzentrationsprobleme, Müdigkeit oder erneuter Hunger. Nahrhafter wären Obst und Gemüse. Auf die je 200 Gramm dieser Lebensmittel, die Ernährungswissenschaftler Sieben- bis Zehnjährigen empfehlen, kommen indes nur wenige Grundschüler.

Mit dem EU-Schulobstprogramm soll sich das ändern. Es will Kindern einen möglichst unkomplizierten Zugang zu Obst und Gemüse geben – und zwar in der Schule und regelmäßig. Kinder, deren Schulen an dem Programm teilnehmen, bekommen deshalb ein- oder mehrmals in der Woche Obst oder Gemüse während des Schultages angeboten, überwiegend saisonale Produkte aus der Region. Bezahlt wird das je zur Hälfte von der EU und den Mitgliedsländern. Für Eltern und die Schulen ist das Programm kostenlos.

Sieben Bundesländer machen mit

In Deutschland greifen mittlerweile sieben Bundesländer auf dieses Angebot zurück. Neben Baden-Württemberg, Bayern, Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz gehören das Saarland, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Die praktische Umsetzung variiert von Ort zu Ort: In einigen Bundesländern werden den Schülern täglich wechselnde Früchte zum direkten Verzehr angeboten. Andere setzen auf Frucht- und Gemüsemixe, die im Klassenverband zu Obstsalat oder Finger-Food zubereitet werden.

Das Ziel bleibt indes überall gleich: Kindern schon in den ersten Schuljahren zu einer ausgewogenen Ernährung motivieren. „Wir wollen ihre Verzehrsgewohnheiten zum Guten verändern“, sagt Katharina Burusig vom Verbraucherschutzministerium Nordrhein-Westfalen. „Denn je früher wir Kinder an eine gesunde Ernährung mit viel Obst und Gemüse heranführen, desto wahrscheinlicher ist es, dass sie dieses Ernährungsverhalten später beibehalten.“

Die Ökotrophologin betreut das EU-Schulobstprogramm seit dessen Start in NRW im Frühjahr 2010, in Kooperation mit dem Schulministerium des Landes. Seitdem konnten es rund 110.000 Schülerinnen und Schüler in NRW durchlaufen. Aktuell nehmen 580 Grund- und Förderschulen in NRW teil. Einige Schulen mussten wegen der begrenzten Mittel bereits vertröstet werden. „Die Nachfrage seitens der Schulen ist riesig“, sagt Burusig. Denn es habe sich unter Schulleitern herumgesprochen, dass das Programm „die gesunde Schulverpflegung und ein gesundes Ernährungsverhalten fördert“.

Schulobstprogramm treibt Früchte

Tatsächlich scheint der Idee Erfolg beschieden: Eine erste Evaluation des Programms in NRW kam Anfang des Jahres unter anderem zu dem Schluss, dass der Obst- und Gemüseverzehr der teilnehmenden Schülerinnen und Schüler signifikant angestiegen ist. Außerdem haben sich ihre Ernährungsgewohnheiten zum Positiven gewendet. Obst und Gemüse stehen jetzt häufiger auf ihrem Speiseplan.

Gleichzeitig haben die Kinder viel über den Beitrag von Obst und Gemüse für eine gesunde Ernährung gelernt, und zwar durch ein pädagogisches Begleitprogramm, das in NRW speziell geschulte Fachkräfte durchführen, häufig Landfrauen. Grundlage ihrer Arbeit ist eine Unterrichtseinheit zum Thema „gesundes Schulfrühstück mit Milch und Obst“ für die Jahrgangsstufe 3, die gemeinsam mit Wissenschaftlern entwickelt wurde.

Iris Venus von der Landesvereinigung der Milchwirtschaft NRW koordiniert die Entsendung dieser Fachkräfte in den Unterricht und sagt, in der angebotenen Doppelstunde gehe es nicht einzig darum, gesundes Schulfrühstück zu fördern, sondern auch „teils verschüttete Kompetenzen neu zu beleben“. Manche Schüler wüssten heute kaum noch etwas über die Zubereitung einfachster Speisen; manche heimische Obst- und Gemüsesorte sei ihnen fremd.

Kinder mit großer Begeisterung dabei

Die Fachkräfte aus Venus’ Pool haben im vergangenen Schuljahr in NRW knapp 120 Doppelstunden durchgeführt. Um auf dem Laufenden zu bleiben und sich austauschen zu können, werden sie zwei Mal im Jahr geschult. Eine wissenschaftliche Evaluation, wie sie vom Landesministerium durchgeführt wurde, steht für den begleitenden Unterricht zwar noch aus. „Unsere Fachkräfte“, sagt Venus, „bescheinigen aber einhellig, dass die Kinder mit großer Begeisterung dabei sind“.

Einen Grund dafür sieht sie darin, dass die Kinder sich im Unterricht selbst als Experten erleben können. „Sie merken, dass die Zubereitung von Obst und Gemüse Spaß macht und sie vorher theoretisch Erlerntes selbst umsetzen können.“ Außerdem verzehrten sie die selbst zubereiteten Speisen anschließend in der Regel gemeinsam, was für sie ein „bleibendes Erlebnis“ sei, von dem sie ihren Eltern erzählten. Die Hoffnung sei, dass diese ihren Kindern anschließend öfters Gesundes auftischen und mitgeben.

Katharina Burusig sagt, mit dem Programm wolle man Kinder schließlich nicht nur an eine gesunde Ernährung heranführen und ihre Geschmacksbildung fördern. Es gehe auch darum, die „soziale Komponente“ gemeinsamer Mahlzeiten aufzuzeigen. Die fänden in vielen Familien aufgrund der Berufstätigkeit der Eltern nicht oder nur noch eingeschränkt statt. In den Schulen stoße man mit diesem Gesamtkonzept auf Begeisterung. „98,8 Prozent der Schulen würden sich der Evaluierung zufolge erneut dafür bewerben“, so Burusig.

Gelungene Vermittlung von Lebenskompetenz

Positive Erfahrungen haben auch die anderen sechs Bundesländer gemacht. Nachzulesen sind sie in den Evaluationsberichten der Länder, die diese auf ihren Schulobstseiten veröffentlicht haben. Das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV), das die Umsetzung des Schulobstprogramms in Deutschland von Beginn an begrüßt und unterstützt hat, hat zentrale Ergebnisse dieser Evaluationen zusammengefasst und veröffentlicht. Das BMELV würde sich wünschen, dass die noch nicht teilnehmenden Bundesländer bald in das Schulobstprogramm einsteigen. „Dieses Programm zeigt, wie gelungene Ernährungs- und Verbraucherbildung aussehen kann“, sagt die zuständige BMELV-Referentin, Marie-Theres Knäpper. Es verknüpfe Theorie und Praxis vorbildlich miteinander und integriere sie altersgerecht in den Alltag der Kinder. „So“, sagt Knäpper, „kann Vermittlung von Lebenskompetenz gelingen“.

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