Title

Wirtschaft und Recht

Das 128-seitige Material "Wirtschaft und Recht" ist ein 2013 in der Rubrik "Handelsblatt macht Schule" von der Handelsblatt GmbH herausgegebenes Unterrichtsmaterial, das von MitarbeiterInnen des Instituts für Ökonomische Bildung (IÖB) in Oldenburg erstellt wurde. In dieser Kooperation sind weitere Materialien mit unterschiedlichen inhaltlichen Schwerpunkten innerhalb der ökonomischen Bildung veröffentlicht worden.

Das Material setzt mit der Bedeutung der Rechtsordnung für die Gestaltung des und der Handlung im gesellschaftlichen Teilsystem Wirtschaft auseinander. Hierbeit werden zunächst Grundsätze der deutschen Rechtsordnung dargestellt (Öffentliches Recht - Privates Recht; Gewaltentrennung, Rechtsquellen) und es wird in den Zusammenhang von Wirtschaft und Recht mit Hilfe kurzer Beispiele eingeführt. Anschließend sollen diese Zusammenhänge vertieft werden, indem auf die Bedeutung einschlägiger Rechtsnormen für das Handeln von Unternehmen und Verbrauchern verwiesen wird. Für den Verbraucher wird insbesondere der Einfluss zivilrechtlicher Regelungen herausgestellt (Kaufvertragsrecht, Allgemeine Geschäftsbedingnungen, Geschäftsfähigkeit). Die das Unternehmenshandeln beeinflussenden Normen sind insbesondere das Handelsrecht (Unternehmensformen), Mitbestimmungsrechte, Kündigungsschutzgesetze sowie die gesamtwirtschaftliche relevanten Regelungen des Umweltrechts. Abschließend wird die Methode der Expertenbefragung vorgestellt.

Das Unterrichtsmaterial „Wirtschaft und Recht“ des Instituts für ökonomische Bildung in Oldenburg (IÖB) wird mit mangelhaft bewertet. Für die Lehrerinnen und Lehrer ist in diesem Material kein substanzieller Mehrwert bezüglich der Förderung ökonomischer Bildung im Vergleich zu bestehenden Schulbüchern erkennbar, der die Inkaufnahme der kritisierten Werbung rechtfertigt. Das Unterrichtsmaterial erhebt selbst den Anspruch, "Bewertungskompetenz" zu vermitteln (S. 17). Im Mittelpunkt sollen grundlegende Prozesse und Zusammenhänge stehen, auf keinen Fall sollen die Schüler/inne zu "Rechtsexperten" ausgebildet werden (S. 18). In weiten Teilen verfehlt das Material diesen Anspruch. Die Inhalte sind kleinteilig aufgebaut und konzentrieren sich häufig deteilgenau auf Rechtsvorschriften, ohne die Chance zu nutzen, die Herausbildung und Wirkung von Rechtsnormen auf unterschiedliche Adressatengruppen darzustellen. Bewertungskompetenz wird beim vorgeschlagenen Einsatz des Materials nur bedingt erzielt. Vielmehr erfolgt eine additive Vermittlung von Fakten. Hinzu kommt, dass diese Fakten in zahlreichen Fällen nicht derart kontrovers sind, wie sie sein könnten (insbesondere beim Thema Umweltrecht, aber auch Verbraucherrechte). In aller Kürze die Vorzüge und Schwächen des Materials: Zu den Vorzügen zählt die Darstellung verschiedener für den Wirtschaftsbürger relevante Bereiche, in denen der rechtliche Rahmen das ökonomische Handeln beeinflusst. Die größten Schwächen liegen in a) der als Bildungsinhalt getarnten Werbung für einen Kooperationspartner des Heftes, der das Konzept der Praxiskontakte Wirtschaft konterkarriert. b) der wenig motivationsfördernden Gestaltung der Materialien für die Lernenden. c) der umständlichen Handhabung für den Unterricht. d) den zum Teil fehlerhaften Materialien. e) der ausbleibenden Gestaltungs- und Handlungsperspektive für die Lernenden. f) der mangelnden Kontroversität der Darstellung des Lerngegenstandes.

Indikatoren
Einzelbewertung
Balken
Fachlicher Inhalt:
Mangelhaft
Methodik-Didaktik:
Ausreichend
Formale Gestaltung:
Befriedigend
Gesamtbewertung:
Mangelhaft
Ausführliche Bewertung
Das Unterrichtsmaterial „Wirtschaft und Recht“ des Instituts für ökonomische Bildung in Oldenburg (IÖB) geschrieben von Michael Koch, Prof. Dr. Rudolf Schröder, Stephan Friebel, Martina Raker und Meike Arnold thematisiert die Bezüge zwischen Recht und wirtschaftliche Handeln. Das Ziel ist es, den Schülerinnen und Schülern die Verrechtlichung wirtschaftlicher Handlungsweisen begreifbar zu machen und damit die Bedeutsamkeit von Recht für das alltägliche Handeln. Inhaltlich will das Material Strukturen und Zusammenhänge von Rechtsnormen (Institutionen) und dem Handeln von Akteuren im Teilsystem Wirtschaft aufzeigen. Dies gelingt nur bedingt, zum Beispiel im ersten Teilkomplex "Grundlagen" mit der Darstellung des Einflusses von Lobbyisten auf Gesetzgebungsprozesse und die Steuerung wirtschaftlicher Prozesse. Im zweiten Kapitel "Konsum und Recht" werden den Schülern zahlreiche Rechtsnormen vorgestellt, die tatsächlich zum Beispiel den Konsum Jugendlicher Verbraucher beschränken. Es wird aber nicht vermittelt, wie Rechtsnormen zu lesen sind (eine entscheidende methodische Kompetenz, die für ein Verständnis der Normen unbedingt bestehen sollte). Zudem wird nicht über Sinn und Grenzen dieser Vorschriften diskutiert - obgleich die Schüler/innen Bewertungskompetenz entwickeln sollen. Der Darstellung von Instrumenten der Verbraucherpolitik mangelt es an Kontroversität. Die dargestellten Beispiele "Siegel" (M25) und vor allem Informationspflicht für Finanzanlagen (M26) gehen nicht auf die Grenzen der Verbraucherpolitik ein, die auch in der nur begrenzten Rationalität des Verbrauchers liegen. Es dominiert hier wie auch in weiteren Heften der Reihe ein eindeutig liberaler Blick auf das Wirtschaftsgeschehen (Stichwort Kontroversität). Gleiches gilt auch für die Einflüsse des Rechts auf Unternehmenshandeln. Wenngleich zahlreiche Beispiele rechtlicher Institutionen aufgezeigt werden, die ein Unternehmen berücksichtigen muss, werden diese unzureichend genutzt. Dies liegt nicht zuletzt an den stets auf Faktenvermittlung und -wiedergabe bedachten Aufgabenstellungen. Vor allem den Materialien und Aufgabenstellungen zu Umweltpolitik mangelt es an Multiperspektivität. Hier dominieren eindeutig ökonomische vor ökologischen Interessen. So werden beispielweise Stellungnahmen des Verbands der Automobilindustrie aufgenommen, nach solchen von Umweltschutzverbänden sucht man jedoch vergebens. Das Heft enthält weitere Schwachpunkte, die sich negativ auf die Bewertung auswirken: 1. Das Material wirkt nicht einladend, um mit ihm zu lernen. Seitenüberspannende Texte, wenig Grafiken oder Abbildungen und wenig motivierende Überschriften. Die motivationale Funktion von Unterrichtsmaterialien wurde bei der Zusammenstellung und Konstruktion nicht bedacht. 2. Die Struktur, die die Auswahl der Materialien bestimmt, wird in den Lehrerhandreichungen erläutert. Sie erschließt sich dem Lernenden leider nicht durch das Durchblättern des Heftes. Die Lehrenden müssen den Konstruktionsprozess und die Umgangsweise mit dem Material organisieren. Ein selbstständiges, binnendifferenziertes Lernen ist mit dem Material schwer realisierbar. Konsequenterweise fehlen bei den Materialien daher auch die Arbeitsaufträge. Diese werden in den Lehrerhandreichungen dargestellt. Dies hat Vor- und Nachteile. Der Vorteil besteht darin, dass die Lehrkraft individuelle, an die Lerngruppe angepasste und differenzierte Aufträge erstellen kann. Damit können Lehrerinnen und Lehrer das Material nutzen und an die Stelle der bestehenden Aufgaben stärker kooperative und sozialformabwechslungsreichere Aufgaben wählen. Da die digitale Variante des Materials aber nicht editiert werden kann (liegt als PDF-Datei vor) müssen die Arbeitsaufträge gesondert zum Material herausgegeben oder an die Tafel geschrieben werden. Dies erweist sich in der Praxis als sehr umständlich. 3. Bei vielen anderen Materialien (M3, M6, M7 M12, M13, M14, M15, M19, M20, M25, M28, M29, M31, M32, M33, M35, M36, M37, M38, M40 und M46) ist die Quelle unklar, vermutlich handelt es sich um Autorentexte, dies bleibt aber unklar und wirkt zumindest bei M46 auch nur als Werbetext. 4. Manche Materialien sind in der Anordnung nicht funktional: So wird zwischen Fallbeispielen zum Kaufvertrag und allgemeinen Hinweisen zum Kaufvertrag ein Material zum Marktversagen dazwischen gestreut, obwohl Umweltschutz, Konsumentenschutz und Wettbewerbsschutz an anderen Stellen thematisiert werden. Ebenso verwirrend ist das letzte Material zur Kündigung eines Mitarbeiters wegen Online-Beleidigungen. Dies bei der Expertenbefragung einzuordnen und nicht bei dem Arbeitsrecht bei dem Kündigungsgründe thematisiert werden ist nicht nachvollziehbar. 5. Manche Materialien sind fehlerhaft oder durch Auslassungen verfälschend: So wird bei M16 im Expertenrat suggeriert, als sei der Händler beim Ratenkauf einer 12-Jährigen im Recht. Der Kaufvertrag sei gültig, weil er sie als volljährig eingeschätzt hat ohne sich abzusichern. Dass der Handelsblattartikel mit seiner Aussage problematisch ist, hätten die Autoren sich inhaltlich erschließen können oder aber durch einen Blick in die Kommentare im Handelsblatt zu dem Artikel. Ebenso werden bei der Auflistung der Grundgesetzartikel zum wirtschaftlichen Handeln die Ambivalenz zwischen persönlichen Freiheitsrechten und sozialer Verantwortung nur dargestellt, wenn die SuS fehlende Auszüge selbst recherchieren, da die vorgegebenen Auszüge der Artikel allein die individuellen Freiheitsrechte darstellen: Von Artikel 14 wird nur Absatz 1 zitiert ohne den Allgemeinwohlcharakter zu thematisieren, Artikel 2 wird ebenfalls nur so zitiert, dass die Einschränkung der Handlungsfreiheit nicht erwähnt wird. 6. Der Bereich Recht taucht in dem Material als unabhängige Variable auf, die wirtschaftliches Handeln bestimmt. Funktional gesehen beeinflusst Recht den Restriktionsrahmen des Individuums in seinem (wirtschaftlichen) Handeln. Fragen zur kulturellen, gesellschaftlichen Entstehung des Rechts werden nicht beachtet, genau so wenig wie die Veränderbarkeit des Rechts durch demokratische Prozesse, induziert durch wirtschaftlichen, technischen, bzw. sozialen Wandel - mit Ausnahme des Schaubilds zur Gewaltenteilung. Damit werden Fragen nach der Veränderung des Rechtsrahmens (aus Perspektive des Einzelinteresses oder des Allgemeinwohls) nicht in den Blick genommen. Die Schülerinnen und Schüler erhalten nicht den Raum, aus der Subjektperspektive Recht nicht nur dahingehend zu betrachten, wie es ihr Handeln beeinflusst, sondern wie sie es beeinflussen möchten. Diese emanzipatorische Ebene würde neben wirtschaftlichen, rechtlichen auch politische aufgreifen müssen, was in der Konstruktion des Materials nicht beabsichtigt wurde. Dadurch ergibt sich aus den Materialien der Eindruck, der Mensch wird vom Recht beeinflusst, der umgekehrte Weg erschließt sich für die Schülerinnen und Schüler nicht. 2. Abzüge in der Beurteilung gibt es auch durch die problematisch umgesetzte Kooperation mit der Dieter Schwarz Stiftung. Die Kooperation drückt sich nämlich nicht nur in einer (hier unterstellten) finanziellen Förderung des Projektes aus, sondern neben der Hochglanzwerbung auf den Innenseiten des Umschlages auch im Materialteil in Teil 4. Um eine Expertenbefragung (mit unklarem Ziel und Gesprächsinhalt) zu initiieren wird auf Gesprächspartner der Dieter Schwarz Stiftung verwiesen und gleichzeitig wird auf drei Seiten im Material Raum gegeben sich positiv darzustellen: Hier geht es um das Bekanntmachen einer Stiftung, die sich im privat/öffentlichen Bildungsbereich engagiert. Als Unterrichtsmaterial ist dies problematisch, es wird nicht deutlich wie diese Informationen den Schülerinnen und Schülern bei der wirtschaftlichen Mündigkeit helfen. Die Selbstdarstellung in einer dem Heft beigelegten Broschüre wäre für die Schülerinnen und Schüler als Werbung deutlicher erkennbar. Vor dem Hintergrund der genannten Vorzüge und Mängel kann das Material nur mit mangelhaft bewertet werden. Für die Lehrerinnen und Lehrer ist in diesem Material kein substanzieller Mehrwert bezüglich der Förderung ökonomischer Bildung im Vergleich zu bestehenden Schulbüchern erkennbar, der die Inkaufnahme der kritisierten Werbung rechtfertigt.
Erscheinungsjahr
2013
Autor/in
Michael Koch, Rudolf Schröder, Stephan Friebel, Martina Raker, Maike Arnold
Reihe
Handelsblatt macht Schule - Unterrichtseinheiten
Preis
ISBN
Materialformat