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Deutscher Verbrauchertag: Familien fördern statt im Alltag überfordern

Verbraucher sein hat sich für Familien zum Vollzeitjob entwickelt. Tagtäglich müssen sie sich mit Produkten, Dienstleistungen und Unternehmen befassen, Qualität und Preise vergleichen und Marktentwicklungen beobachten. Immer mehr Familien beklagen eine zu starke Belastung im Alltag. Eine stärkere Fokussierung auf die Bedürfnisse und Interessen der Familien forderte der Verbraucherzentrale Bundesverband e.V. (vzbv) daher zum Deutschen Verbrauchertag 2009, der am 12. Mai stattfand und das Motto "Mehr Familie in die Verbraucherpolitik - Konsumalltag meistern, Wirtschaft gestalten" trug. Entscheidungsträger aus Politik und Gesellschaft diskutierten an diesem Tag, was der alltäglichen Überforderung entgegengesetzt werden kann und wie Familien gefördert werden können.

Umfragen bestätigen die von Familien im Alltag erlebte und als Stress empfundene Belastung: Bei einer repräsentativen Befragung im Frühjahr 2008 beklagten sie am stärksten ihre Situation als Verbraucher. Viele Familien empfinden den Konsumalltag gar als familienunfreundlich, da sich Haushaltsmanagement, Familienleben und Beruf immer schwerer unter einen Hut bringen lassen. Der Ärger darüber wächst - und wird durch die Wirtschafts- und Finanzkrise noch einmal beschleunigt, wie vzbv-Vorstand Gerd Billen auf dem Deutschen Verbrauchertag feststellte. Die wichtigste Aufgabe sieht er für die Verbraucherpolitik darin, das Vertrauen der Verbraucher in Wirtschaft und Staat wieder zu stärken.

Familien, so Billen, "gehören zu den Verbrauchern, die besonderen Schutz, Entlastung, Orientierung, gute Anreizprogramme und Unterstützung brauchen". Es reiche nicht aus, mündige Verbraucher zu fordern, sondern die Politik müsse vor allem dafür sorgen, "dass es in Supermärkten und Sparkassenfilialen, in Kaufhäusern und Krankenkassen, in Reisebüros und Pflegeheimen fair zugeht", so der Vorstand des vzbv in seiner Rede . Die Politik ist gefordert, Rahmenbedingungen zu schaffen, die es Verbrauchern ermöglichen, mündige und selbstbestimmte Entscheidungen zu treffen. Dazu muss die Politik die Familie als Verbraucher wieder mehr in den Blick nehmen, mache doch 60 Prozent des Bruttoinlandsproduktes der Konsum der privaten Haushalte aus. Dazu ist es seitens der Politik wichtig, zum einen gesetzliche Rahmenbedingungen für einen fairen Markt zu schaffen, zum anderen aber auch die Stellen für unabhängige Beratungen wesentlich zu erweitern.

Nachfrage nach unabhängiger Beratung kann nicht gedeckt werden

Die wachsende Nachfrage nach unabhängigen und kompetenten Beratungen können die Verbraucherzentralen derzeit nur zum Teil auffangen - schlicht, weil die finanzielle Förderung unzureichend ist. Zahlreiche der bundesweit 190 Beratungsstellen der Verbraucherzentralen sind laut vzbv mit nur einer Beratungskraft besetzt, im Durchschnitt fördern die Bundesländer die Verbraucherzentralen mit lediglich 39 Cent pro Einwohner. "Das ist zu wenig!", bilanzierte Billen. Mit diesen Mitteln könnten gerade 0,14 Prozent aller Haushalte in Deutschland in Finanzfragen beraten werden, klagte Deutschlands oberster Verbraucherschützer.

Dass mehr Verbraucherberatung und -information nötiger denn je ist, gleichzeitig aber auch Marktkontrollmöglichkeiten verbessert werden müssen, zeigten zuletzt die hohen Verluste, die Zehntausenden Verbrauchern im Zuge der zusammenbrechenden Finanzmärkte entstanden sind, etwa durch die Pleite des Investmenthauses Lehmann Brothers. Besonders auf dem Finanzmarkt sehen die Verbraucherschützer großen Handlungs- und Verbesserungsbedarf gerade auch für Familien. Der Finanzmarkt habe sich, so Billen, in den vergangenen Jahren "sein eigenes Regelwerk geschaffen", das nun dringend korrigiert werden müsste. Verbraucherrelevante Finanzprodukte etwa sollten künftig auf ihre Risiken für Privathaushalte abgeklopft werden - bevor sie verkauft werden dürfen. Es sei "ein Skandal", so Billen, "dass die Lehman-Zertifikate hierzulande frei verkäuflich waren, während das in den USA verboten war".

Doch nicht nur auf den Finanzmärkten ist die Lage für Verbraucher unübersichtlich geworden. Wer heute einen Telefonanschluss braucht, wird nicht mehr von einem Unternehmen bedient, sondern muss zwischen 2.600 Anbietern wählen. Im Strommarkt stehen Familien vor 15.000 Tarifmodellen, bei Haftpflichtversicherungen vor mehr als 500. Die weisen zwar alle eine nahezu gleiche Leistung auf, aber auch Preisunterschiede von bis zu 80 Euro im Jahr.

Familien im Alltag unterstützen - Verbraucherzentralen ausbauen

Billen stellte auf dem Verbrauchertag ein Konzept mit bundesweit 400 Beratungsstellen und gleicher Ausstattung vor, mit dem jedes Jahr 20 Prozent der Haushalte erreicht werden könnten ヨ für drei Euro pro Verbraucher und Jahr, die von der Politik (Bund, Ländern, Kommunen) sowie der Wirtschaft bezahlt werden sollen. "Drei Kugeln Eis sollte uns die unabhängige Verbraucherarbeit schon wert sein", meint Billen. Zumal sich die nötigen Investitionen - der vzbv-Chef nannte die Summe von 246 Millionen Euro pro Jahr (inklusive Eigeneinnahmen der Verbraucherzentralen) - durch den individuellen und volkswirtschaftlichen Nutzen in doppelter Hinsicht rechneten: Nach Berechnungen des vzbv könnten die Privathaushalte zum Beispiel jährlich 134 Millionen Euro Zinsen sparen, wenn sie bei der Suche nach einem Kredit nicht den Lockvogelangeboten der Banken folgten, sondern den Rat einer Beratungsstelle einholten.

Die Konsumwelt verlangt Familien immer mehr spezielles Wissen ab. Dieses Wissen verliert allerdings auch immer schneller an Wert, da auch die meisten Märkte ihrerseits einem ständigen Wandel unterliegen. Hinzu kommt der seit Jahren zu beobachtende Rückbau der staatlichen Sicherungssysteme. Privathaushalte müssen sich um Altersversorgung und eine passende Krankenversicherung kümmern, sich aber auch für Pflegebedürftigkeit im Alter absichern. Um sich über Nutzen und Qualität der Angebote hinreichend zu informieren, wird jedoch Expertenwissen vorausgesetzt, das sich der einzelne Verbraucher nur mit großem Aufwand selbst aneignen kann. Hier ist eine unabhängige und kompetente Beratung gefragt. Allerdings wird spezielles Fachwissen nicht nur bei den großen Konsumentscheidungen verlangt, sondern auch bei den alltäglichen. "Ich kann aber nicht, wenn ich an Weihnachten Spielzeug kaufe, vorher zum Hobbychemiker werden, um festzustellen, ob das Spielzeug in Ordnung ist oder nicht", so Billen.

Deshalb müssen nicht nur die Beratungen ausgebaut werden, auch die Marktüberwachung und -kontrollen müssen neu überdacht werden. Gift-Cocktails im Kinderspielzeug und Frischmilch, die nicht frisch ist, machen den verbraucherpolitischen Handlungsbedarf auch beim alltäglichen Einkauf offensichtlich. Die heute unterausgestattete Marktüberwachung und -kontrolle in den Bundesländern und der Europäischen Union muss daher nach Ansicht des vzbv ausgebaut werden. Mehr Sicherheit verlangten zudem die digitalen Medien. Insbesondere im Internet herrsche vielfach Anarchie, schreibt der Verband. Datendiebe und Betrüger könnten sich im Netz noch immer gemütlich einrichten - zulasten der Verbraucher, von denen allein in Deutschland jährlich rund 270.000 Opfer sogenannter Abo-Fallen werden. Polizei und Gesetzgeber müssten hiergegen energischer vorgehen, forderte vzbv-Chef Billen. "Und die Wirtschaft wird lernen müssen, das Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung der Verbraucher zu respektieren".

Erlernen des Konsum-ABC verpflichtend machen ヨ Verbraucherbildung ausbauen

Ein wichtiger Baustein für eine familienfreundlichere Verbraucherpolitik ist nach Meinung des vzbv auch eine stärkere Verbraucherbildung. Obwohl der Stellenwert des Konsumenten als Wirtschaftsfaktor unstrittig ist, kommt das Konsum-ABC in der Schule viel zu kurz. In seinem Positionspapier fordert der vzbv, das schnellstmöglich zu ändern. Verbraucherbildung gehöre verbindlich in alle Schulen, heißt es darin, Lerninhalte der Verbraucherbildung wie das Wissen um eine gesunde Ernährung oder um die Finanzplanung müssten in allen Schulformen und Schulstufen fest verankert werden. Für Familien brächte das zum Beispiel den Vorteil, so das vzbv-Papier, dass Kinder nicht nur wissen, wie ein Handy bedient wird, sondern auch die Stolpersteine in den Klauseln eines Handy-Vertrages erkennen - was nicht unwesentlich zur Schonung des Familienbudgets beitragen dürfte.

Auch Kanzlerin Merkel, die mit ihrer Rede den Verbrauchertag eröffnete, unterstrich die Bedeutung von Verbraucherbildung, wobei die Forderungen des vzbv nach festen Bildungsstandards und stärkerer Verankerung von Verbraucherbildung in den Schulen noch weiter gehen. Informationsflut schaffe nicht unbedingt besser informierte Verbraucher, so die Kanzlerin, da Verbraucherinnen und Verbrauchern die Einordnung der Informationen häufig schwerfalle. Gerade Kinder und Jugendliche fänden sich in der Angebotsfülle nicht zurecht. Ein Beispiel für "gute Information" sei das Internet-Portal zur Verbraucherbildung des vzbv, sagte die Bundeskanzlerin. "Solche positiven Beispiele zur Stärkung der Verbraucherbildung sollten Schule machen", lobte sie.

Stand: Juni 2009

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