Trotz Wirtschaftswachstums und rückläufiger Arbeitslosenquoten: In Deutschland gelten weiterhin über drei Millionen Haushalte als überschuldet. Neben der materiellen Armut haben die Betroffenen meist auch mit sozialer Ausgrenzung und geringeren Bildungschancen zu kämpfen. Spürbar ist das vor allem für Kinder und Jugendliche in überschuldeten Haushalten. Die Aktionswoche Schuldnerberatung 2008 stellt dieses Thema vom 16. bis 20. Juni in den Mittelpunkt.
Erklärtes Ziel der diesjährigen Aktionswoche Schuldnerberatung, die unter dem Titel „Überschuldete Eltern – Arme Kinder“ bundesweit von der Arbeitsgemeinschaft Schuldnerberatung der Verbände (AG SBV) durchgeführt wird, ist die Bekämpfung der Kinderarmut. Neben der Verbesserung der allgemeinen Lebensbedingungen ist es dabei aus Sicht der Organisatoren vor allem erforderlich, die Gefahren der Überschuldung rechtzeitig in den Blick zu nehmen.
Die Schuldnerberater fordern daher unter anderem die Einrichtung eines „Frühwarnsystems Überschuldung“, um eine beginnende Überschuldung in jungen Familien rechtzeitig erkennen und daraus folgende Probleme vermeiden zu können. Da die Überschuldung der Eltern eine wesentliche Ursache für Kinderarmut ist, sprechen sich die Organisatoren zudem für einen freien Zugang zu einer kostenlosen Schuldnerberatung aus. Außerdem müssten entsprechende Programme zur finanziellen Allgemeinbildung und Schuldenprävention frühzeitig und auf breiter Basis angeboten werden.
Gerd Billen, Vorstand des Verbraucherzentrale Bundesverbandes e.V. (vzbv), erinnert in einem Grußwort zu der Aktionswoche daran, dass die Arbeitslosigkeit der Eltern der häufigste Auslöser für Kinderarmut ist. „Während die Eltern ihre finanziellen Probleme mit Hilfe des Verbraucherinsolvenzverfahrens in den Griff kriegen können, profitieren die Kinder von dieser ‚zweiten Chance‘ wenig“, erklärt Billen. Ihre materielle Armut erschwere ihre positive Persönlichkeitsentwicklung. „Gleiche Startchancen für jedes Kind sind aber das Grundversprechen einer jeden demokratischen und solidarischen Gesellschaft."
Ganz offensichtlich kann aber auch ein reiches Land wie die Bundesrepublik dieses Versprechen nicht durchgängig einlösen: Insgesamt gelten 13 Prozent der Bundesbürger als arm. Und weitere 13 Prozent werden nur durch Sozialleistungen vor einem Leben in Armut bewahrt, wie die Bundesregierung jüngst bei der Vorstellung des Arbeitsentwurfs des 3. Armuts- und Reichtumsberichts eingestehen musste.
Steigendes Armuts- und Überschuldungsrisiko in Deutschland
Damit ist mehr als ein Viertel der deutschen Bevölkerung nicht nur arm oder von Armut bedroht – sondern auch einem höheren Überschuldungsrisiko ausgesetzt. Denn es gilt immer noch: Überschuldete sind arm – und Arme sind häufig überschuldet. Das bedeutet: Haushalte mit einem niedrigen Haushaltsnettoeinkommen geraten grundsätzlich eher in die Überschuldung als andere. Nach Angaben der Europäischen Union ist die sogenannte Armutsrisikoquote in Deutschland zwischen 2004 und 2005 von zwölf auf 13 Prozent gestiegen.
Das Risiko arm zu werden, hat also zugenommen. Und damit auch die Gefahr der Überschuldung. Welche Ausmaße die angenommen hat, darüber informierten schon vor rund zwei Jahren der vzbv, der Deutsche Caritasverband, das Diakonische Werk und das Deutsche Rote Kreuz mit dem von ihnen herausgegebenen Schuldenreport 2006.
Die Zahl überschuldeter Privathaushalte hat sich demnach seit Veröffentlichung des ersten Schuldenreports 1993 mehr als verdoppelt. Die Verbände kamen zu dem Ergebnis, dass jeder zwölfte Haushalt überschuldet ist. Insgesamt waren im Untersuchungszeitraum rund 3,13 Millionen Haushalte nicht mehr in der Lage, ihren Zahlungspflichten nachzukommen.
Zusätzlich wurden mehr als eine halbe Million Haushalte als akut überschuldungsgefährdet eingestuft. Das heißt, ihr Monatsbudget reichte gerade noch, um wiederkehrenden Zahlungspflichten nachzukommen. Allerdings blieb den Haushalten dabei so wenig Geld übrig, dass bereits bei kleinen Störungen – etwa die Reparatur der Waschmaschine oder steigende Energiepreise – der finanzielle Kollaps drohte.
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Stand: Juni 2008