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Globalisierung hautnah: Arbeitsbedingungen in der Bekleidungswirtschaft und der Einfluss der Konsumenten

T-Shirts, Anzüge, Sportbekleidung - ein Großteil dessen, was deutsche Verbraucher auf der Haut tragen, wird viele tausend Kilometer entfernt in den Bekleidungsfabriken Osteuropas, Asiens und Südamerikas hergestellt. Wie bei kaum einem anderen Wirtschaftszweig kann man an der Bekleidungsindustrie des 21. Jahrhundert sehen, wie weit die weltweite Vernetzung in der Produktion fortgeschritten ist. Wie bei kaum einem anderen Wirtschaftszweig werden hier aber auch die Schattenseiten dessen deutlich, was landläufig mit Globalisierung umschrieben wird: Oftmals menschenunwürdige Arbeitsbedingungen in den Produzentenländern und Arbeitsverträge, die an die Zeiten der Feudalherrschaft erinnern. Trotz der Komplexität der Warenströme und der enormen Entfernung der Produktionsstätten hat jeder Konsument Möglichkeiten, die Durchsetzung menschenwürdigerer Arbeitsbedingungen zu unterstützen.

Kostenvorteile als Standortfaktor

Wie andere Wirtschaftszweige folgt auch die Bekleidungsindustrie bei der Auswahl ihrer Produktionsstandorte marktwirtschaftlichen Überlegungen: Produziert wird dort, wo eine definierte Qualität zu möglichst geringen Kosten angeboten wird, um das Endprodukt zu konkurrenzfähigen Preisen anbieten zu können und so eine möglichst zufrieden stellende Rentabilität des Unternehmens zu gewährleisten.

Von dieser Logik scheinen zunächst alle Seiten zu profitieren: Entwicklungs- und Schwellenländer - aus Perspektive der Marktakteure Niedriglohnländer - ziehen Unternehmen und somit Arbeitsplätze an. Die daraus resultierenden Einnahmen ermöglichen den Produzentenländern, nachholende Entwicklungen in ihren Ländern auszulösen. Die Beschäftigten in diesen Ländern wiederum erhalten oft erstmals die Gelegenheit, das eigene wirtschaftliche Überleben und das der Familie mit der eigenen Arbeitskraft zu sichern. Den Verbrauchern auf den Absatzmärkten wiederum können Textilwaren zu niedrigen Preisen angeboten werden, die bei der Produktion in einem Hochlohnland ungleich höher ausfallen müssten. Gerade in wirtschaftlich eingetrübter Lage ließen sich diese Produkte nur unter Schwierigkeiten absetzen, da der Preis bei vielen Endverbrauchern ein ausschlaggebendes Kaufargument ist.

„Abschneiden und flüchten“: Eine Entwicklung ohne Ende und Gewinner?

Derartige Entwicklungen laufen oft Gefahr, in einer Abwärtsspirale zu münden: Der enorme Preis- und Konkurrenzdruck, der auf den Handels- und Herstellungshäusern der Textilindustrie lastet, führt dann tatsächlich auch dazu, dass der Markt ständig in Bewegung ist und Produktionsstätten immerfort in noch kostengünstiger produzierende Länder verlagert werden. Maik Pflaum von der Christlichen Initiative Romero (CIR), die sich seit Jahren für menschliche Arbeitsbedingungen einsetzt, nennt dafür ein Beispiel: „Als die indonesische Regierung nach Jahren der Inflation die Löhne geringfügig anhob, haben sich viele Produzenten aus dem Land verabschiedet und sind nach Vietnam ausgewichen.“ Probleme werden dadurch vermieden, dass die Unternehmen abtauchen, sobald sich welche ergeben. „Cut and run“ – abschneiden und flüchten - wird dieses Prinzip genannt.

Statt sich der sozialen Verantwortung zu stellen, geht die Jagd der Investoren und Produzenten nach dem preiswertesten Produktionsstandort in immer neue Runden. Diesen permanenten Kosteneinsparungsdruck bekommen die Schwächsten in dieser Kette am deutlichsten zu spüren: Nicht ohne Grund sind viele Textilarbeiter und -arbeiterinnen bereits im 35. Lebensjahr im Wortsinne verschlissen.

Trotz feudal anmutender Arbeitsbedingungen bleibt Arbeit ein Privileg

In der Textilindustrie Bangladeschs beispielsweise sind Wochenarbeitszeiten von 80 Stunden und mehr keine Seltenheit. Dirk Saam, Mitarbeiter von Netz e.V., einer „Partnerschaft für Entwicklung und Gerechtigkeit“ mit dem Schwerpunkt Bangladesch, schätzt die durchschnittliche tägliche Arbeitszeit einer Textilarbeiterin in dieser Region auf elf bis14 Stunden. Der Monatsverdienst dafür liegt bei Anfängerinnen zwischen zwölf und 13 Euro; höhere Gehaltsklassen werden oft erst nach Jahren erreicht. Ein Auskommen kann mit solchen Löhnen auch in Entwicklungsländern wie Bangladesch nur schwer bestritten werden. Dirk Saam: „Die Vereinten Nationen gehen davon aus, dass pro Tag pro Kopf ein Einkommen von mindestens einem US-Dollar nötig ist, um extremer Armut zu entfliehen.“

Schwer wiegt aber nicht nur die oft nicht existenzsichernde Entlohnung. Hinzu kommen: immer wieder unbezahlte Überstunden, sieben Arbeitstage als Standard, Verbot gewerkschaftlicher Organisation, fehlender Mutterschutz, oftmals katastrophale hygienische Zustände, zugesperrte Fluchtwege und sexuelle Übergriffe. Was sich liest wie ein Bericht aus der Zeit der Feudalherrschaft, ist nicht nur in Bangladesch Alltag.

Dennoch: Für die meisten Beschäftigten – größtenteils Frauen – ist die Arbeit in den Fabriken der Bekleidungsindustrie ein Segen, stellt sie doch oft die einzige Möglichkeit dar, das eigene wirtschaftliche Überleben und das der Familie zu sichern. Die Angst, von anderen Billiglöhnern unterboten zu werden, ist allgegenwärtig – und ganz aktuell.

Nächster Halt: China

Da Ende des vergangenen Jahres das Welttextilabkommen ausgelaufen ist, gehen Experten davon aus, dass der nächste Profiteur dieses Systems China sein wird. Ein schier endloses Heer billiger Arbeitskräfte, vor der Armut aus den ländlichen Gebieten in expandierende Städte fliehend, steht bereit. Das Weltexportaufkommen im Bereich Bekleidung soll von derzeit 20 Prozent binnen weniger Jahre auf 50, wenn nicht sogar 80 Prozent steigen. Zu den potentiellen Verlierern könnten Staaten wie Bangladesh oder Vietnam zählen, wo Millionen von Arbeitsplätzen in der Bekleidungsindustrie von Vernichtung bedroht sind.

Die Macht der Verbraucher

Dieser geballten Marktmacht steht der Verbraucher zunächst hilflos gegenüber, lassen sich multinationale Konzerne doch kaum die Entscheidungshoheit über die Standortwahl abnehmen. Dennoch bleibt der Endverbraucher nicht ohne Einflussmöglichkeiten. Das Mittel der Wahl heißt: Öffentlichkeit schaffen. Initiativen wie die Clean Clothes Campaign (CCC), in der etwa die Christlichen Initiative Romero, aber auch Gewerkschaften Kirchen- und Frauenorganisationen engagiert sind, gehen diesen Weg mit Erfolg.

Gezielt wurden etwa in der Vergangenheit von der Clean Clothes Campaign einzelne multinationale Unternehmen wie adidas, KarstadtQuelle oder C&A in den Mittelpunkt der Aufklärungs- und Öffentlichkeitsarbeit gestellt. Bewusst wird bei solchen Kampagnen darauf verzichtet, zum Boykott entsprechender Marken aufzurufen, könnte dies doch zur Folge haben, dass die in der Textilindustrie Tätigen ihre Arbeit und somit das für ganze Familien überlebenswichtige Einkommen verlieren.

Ziel ist vielmehr, gemeinsam mit Verbrauchern den Bekleidungshandel zu einer „konkreten Übernahme seiner Verantwortung für humane Arbeitsbedingungen in den Weltmarktfabriken“ zu bewegen, wie es in einer Selbstdarstellung der „Kampagne für ‚Saubere’ Keidung“ heißt. Unternehmen der Bekleidungsindustrie werden dazu aufgefordert, einen Verhaltenskodex, den CCC-Kodex, zu unterschreiben. Mit der Unterschrift verpflichten sich die Einzelhandelsunternehmen, nur solche Bekleidung zu verkaufen, die unter „sozial sauberen“ Bedingungen produziert wurden.

Kleine Schritte zählen

Dass der Verbraucher über Möglichkeiten zur Einflussnahme verfügt und durch seine Kaufentenscheidung maßgeblich menschenwürdige Arbeitsbedingungen in den Produzentenländern unterstützen kann, haben bisherige Erfolge deutlich gemacht. Etliche große Unternehmen der Bekleidungsindustrie haben nach dem Bekanntwerden menschenunwürdiger Arbeitsbedingungen bei Zulieferern reagiert und Verbesserungen angemahnt.

Doch wo Licht ist, ist auch Schatten: Immer mehr Unternehmen schmücken sich mit Verhaltenskodizes, in denen sie die weltweite Einhaltung von sozialen Mindeststandards garantieren. Um deren Kontrolle ist es jedoch oft schwach bestellt, haben die Firmen, die mit der Auditierung beauftragt wurden, doch meist ein vitales wirtschaftliches Interesse daran, die Einhaltung von Sozialstandards zu zertifizieren, um Folgeaufträge zu erhalten. Nicht nur Maik Pflaum von der CIR plädiert deshalb dafür, diese Audits durch vor Ort aktive Nichtregierungsorganisationen durchführen zu lassen.

Für Verbraucher, die wissen wollen, unter welchen Bedingungen die Produkte hergestellt wurden, die sie auf der Haut tragen, heißt der Königsweg weiterhin: Ausführlich Informationen einholen und beim Kauf neuer Kleidungsstücke deutlich machen, dass ein Kriterium für die Kaufentscheidung die Einhaltung von Sozialstandards ist. Dirk Saam von Netz e.V.: „Das mag zunächst idealistisch klingen. Die Vergangenheit hat aber gezeigt, dass diese Politik der kleinen Schritte der Verbraucher - etwa durch Postkartenaktion - ganz klar die Möglichkeit zur Einflussnahme hat. Unternehmen nehmen diese Stimmen ernst, wenn sie laut genug zu hören sind.“

Stand: August 2005

Weiterführende Informationen

Folgende Initiativen und Institute bieten Verbrauchern hilfreiche Unterstützung bei der Kaufentscheidung und weiterführende Informationen an:

Lesen Sie zu den Themen "Textilien" und Globalisierung auch folgende Beiträge im .pdf-Format:

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