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Gut informiert, gut integriert: Verbraucherzentralen werben für interkulturelle Öffnung

Menschen mit Migrationsgeschichte sind häufig schlecht über ihre Verbraucherrechte informiert und scheuen den Gang zur Verbraucherzentrale - obwohl ihre Probleme im Konsumalltag sich kaum von denen deutscher Verbraucher unterscheiden. Sprachbarrieren gelten als ein Grund für diese Zurückhaltung, aber auch Skepsis gegenüber der Unabhängigkeit der Verbraucherberatung. Die Folge: Zuwanderer suchen häufig erst dann Hilfe, wenn das Problem groß geworden ist oder die Zeit drängt. Neue Formen der Zusammenarbeit zwischen Verbraucherzentralen und Migrantenorganisationen sollen diese Hürden jetzt senken. Der Integration würde es dienen.

Zu diesem Fazit kommt eine neue Studie des Instituts für Praxisentwicklung und Evaluation an der Fachhochschule Münster. "Migranten", heißt es darin, seien "stärker von Benachteiligungen betroffen, die sich negativ auf Gesundheit, Lebensqualität und Zukunftschancen auswirken". Zuwanderer bezögen häufiger Sozialhilfe und hätten niedrigere Bildungsabschlüsse. Oft würden sie und ihre Nachkommen überteuerte Kredite aufnehmen und unnötige Versicherungen abschließen. Eine "nicht immer angemessen erkannte Ursache" dieser Probleme seien Defizite bei "individuellen und familiären Konsumkompetenzen", schreiben die Autoren der vom Verbraucherzentrale Bundesverband e.V. (vzbv) mitbeauftragten Studie.

Welche Folgen diese Defizite im Alltag von Zuwanderern haben können, hat eine ebenfalls vom vzbv beauftragte Studie schon im Jahr 2007 aufgedeckt. Nicht nur die Einschätzung von Verträgen oder Finanzdienstleistungen bereiten vielen Migranten demnach Schwierigkeiten. Vielen Zuwanderern gehen zum Beispiel sogar Rentenansprüche verloren. Oder sie schätzten ihre Ansprüche höher ein als sie tatsächlich sind. Teilweise sei ihnen nicht klar, dass sie durch Schwarzarbeit keine Rente bekommen, heißt es in der Untersuchung, in der Experten der Verbraucherzentralen Nordrhein-Westfalen und Berlin aus ihrer Beratungspraxis berichteten. Der vzbv forderte aus diesen Gründen bereits vor zwei Jahren, die "Verbraucherbildung ins Zentrum der deutschen Integrationspolitik" zu rücken. Die Erfolgsformel "Gut informiert, gut integriert" werde viel zu wenig beachtet, mahnten die Verbraucherschützer.

Verbraucherberatung für Migranten - erste Schritte vollzogen

Um Zuwanderer zumindest in Sachen Handy- und Telefonrechnung über ihre Rechte aufzuklären, haben die Verbraucherzentralen bereits für die zwei größten Migrantengruppen, Türken und Russischsprachige, zweisprachige Infoblätter herausgegeben. Außerdem haben sie einen Einkaufsführer für Muslime zusammengestellt, der neben Beschreibungen von Lebensmitteln ohne Alkohol und ohne Schweinefleisch auch Informationen zur gesunden Ernährung bereitstellt. Materialen für den Unterricht im Fach "Deutsch als Zweitsprache" mit Schwerpunkten auf der Budgetplanung, der gesunden Ernährung, dem Energiesparen und weitere Themen ergänzen das Angebot und werden über das Weiterbildungsportal des vzbv, www.verbraucherbildung.de, zur Verfügung gestellt.

Mittelfristig, da sind sich Migrantenorganisationen und Verbraucherschützer einig, muss aber mehr passieren, um die Erfolgsformel "Gut informiert, gut integriert" mit Leben zu füllen. Nötig ist nach ihrer Ansicht eine "interkulturelle Öffnung" des Verbraucherschutzes. "Dazu gehört die Bereitschaft, offensiv und direkt den Kontakt mit Migrantenorganisationen zu suchen und überhaupt in der Ansprache der Zielgruppe ganz neue Wege zu gehen", erklärt vzbv-Vorstand Gerd Billen. Eine Organisation müsse dafür auf allen Ebenen bereit sein, "sich auch kulturell auf ganz Neues einzulassen und sich dafür, wenn nötig, auch Unterstützung organisieren", sagt Deutschlands oberster Verbraucherschützer.

Billen sieht in dieser Öffnung eine doppelte Chance für den Verbraucherschutz und die Integration: Einerseits könne sie helfen, die Skepsis von Zuwandern gegenüber Verbraucherzentralen zu mildern. "Ein Bewusstsein dafür zu schaffen, sich rechtzeitig Rat zu holen", so Billen, "wird eine der Aufgaben sein, die wir künftig zu erfüllen haben". Eine weitere Chance liege in der stärkeren Zusammenarbeit mit Migrantenorganisationen. Diese Organisationen wüssten um den hohen Stellenwert von Konsumkompetenzen für die Integration, so Billen. Die Bereitschaft, zusammenzuarbeiten und den Zugang zu den Communities der Zuwanderer zu öffnen, sei "sehr groß". Dafür müssten nun gemeinsame Ansatzpunkte gefunden werden.

Wie solche Kooperationen aussehen könnten, haben Vertreter von Verbraucherzentralen, vzbv-Mitgliedsverbänden und Migrantenorganisationen Anfang September während eines gemeinsamen Arbeitstreffens ausgelotet. Die Fachleute sprachen sich unter anderem für eine stärkere Kooperation zwischen Verbraucherzentralen einerseits und Migrantenverbänden, Integrationsbeauftragten und Stadtteilinitiativen andererseits aus. Sinnvoll sei auch eine aktivere Ansprache der Zuwanderer, um Skepsis gegenüber der Arbeit der Verbraucherzentralen abzubauen. Basis dafür müsse eine gelungene Netzwerkarbeit sein. Flankierend sollte eventuell auch mit bekannten Persönlichkeiten unter Migranten für die Dienste der Verbraucherzentralen geworben werden, so die Fachleute. Zu ähnlichen Empfehlungen kommt auch die zuvor erwähnte Studie der Fachhochschule Münster, die in Kooperation zwischen dem vzbv, der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen und der Stadt Münster entstand.

Die Studienautoren haben für die Untersuchung eine Reihe von Interviews mit Kräften der Verbraucherzentrale Münster und Umgebung sowie mit Integrationsexperten geführt und daraus Empfehlungen für die interkulturelle Öffnung abgeleitet. Eine lautet: Soll der Zugang zur Zielgruppe der Zuwanderer leichter werden, führt der Weg über ihre Vereine und Gruppen. Die in Migrantenorganisationen arbeitenden Menschen verfügten in der umworbenen Gruppe über "einen Vertauensvorsprung" und "Insiderwissen", so die Autoren. Das mache sie zu "natürlichen, zentralen Anlaufstellen für eine Erfolg versprechende Netzwerkarbeit". Die vorhandene "Offenheit und augenfällige Kooperationsbereitschaft" unter den Migrantenorganisationen lasse erwarten, dass "eine ausgestreckte Hand der Verbraucherzentrale ohne Zögern ergriffen wird".

Weitere Vorarbeiten zur interkulturellen Öffnung nötig

Beide Seiten müssten allerdings noch Vorarbeit leisten, um die angestrebte Kooperation zum Erfolg zu führen. Den Migrantenorganisationen empfehlen die Autoren, nach "Schlüsselpersonen" Ausschau zu halten, die Verbraucherinformationen in familiäre Netzwerke und Migrantenverbände hineintragen. Denkbar seien etwa themenspezifische Veranstaltungen, die an bereits vorhandene Vereine oder offene Treffs andocken. Die Verbraucherzentralen wiederum müssten an ihrer interkulturellen Kompetenz feilen. Eine entsprechende Weiterbildung der Beraterinnen und Berater sei "unverzichtbar", heißt es in der Studie. Empfehlenswert sei auch die gezielte Abstellung eines Mitarbeiters der Verbraucherzentrale für die Netzwerkarbeit innerhalb der Stadt. Denkbar sind schließlich auch ganz neue Formen der Beratung. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Verbraucherzentralen machten dazu schon in der vzbv-Studie zum Verbraucherschutz in der Einwanderungsgesellschaft aus dem Jahr 2007 einige Vorschläge. Sie empfahlen unter anderem, dass die Verbraucherzentrale ihre Beratungen einmal wöchentlich in einer Moschee oder einem Kulturverein durchführt oder auch im Kindergarten oder in einer Schule mit hohem Anteil von Migranten. Das Jugendamt in Nürnberg hat mit einem solchen Vorgehen sehr gute Erfahrungen gemacht. Die dortige Erziehungsberatungsstelle hat ihre Beratung in Kindergärten durchgeführt und damit nicht nur Migrantenfamilien erreicht, sondern ebenfalls deutsche Familien aus bildungsfernen Schichten.

Stand: November 2009

Weiterführende Informationen des Verbraucherzentrale Bundesverbandes e.V.

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