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Mehr Genuss: Schlüssel zur gesunden Ernährung

Deutschland ist zu dick. 37 Millionen Erwachsene und rund zwei Millionen Kinder und Jugendliche gelten als übergewichtig oder adipös. Die Betroffenen haben daran in der Regel schwer zu tragen, Diätappelle und Verzichtsbotschaften laufen aber meist ins Leere oder verschlimmern die persönliche Situation sogar. Experten empfehlen daher inzwischen ganz andere Strategien im Kampf gegen Übergewicht und Fehlernährung. Für sie liegt ein Schlüssel in der Wiederentdeckung des Genusses.

In der Tat scheint die Fähigkeit zum Genuss vielen Menschen in den vergangenen Jahren abhanden gekommen zu sein. Die Lebensumstände haben sich rasant geändert – und mit ihr unser Ernährungs- und Bewegungsmuster: Die Anzahl der Menschen etwa, die schwere körperliche Arbeit verrichten, sank kontinuierlich. Gleichzeitig nahm die Zahl der Single-Haushalte zu, gemeinsame Mahlzeiten am Esstisch verloren nach und nach an Bedeutung. Stattdessen stieg der Außer-Haus-Verzehr, Hunger wurde zusehends mit Fast-Food und Fertiggerichten gestillt.

Unser Nahrungswissen verkümmert

Jahrhundertealte Traditionen wurden so auf den Kopf gestellt. Wo früher das gemeinsame Essen am Küchentisch nicht wegzudenken war, regiert heute die schnelle Bedürfnisbefriedigung im Vorbeigehen. Dabei ging nicht nur der Genuss über Bord. Auch das Wissen über den Wert von Lebensmitteln schwand nach und nach. „Wir ernähren uns zu schnell, zu unregelmäßig und zu ungesund“, weiß Gerd Billen, Vorstand des Verbraucherzentrale Bundesverbandes e.V. (vzbv). Und: „Unser Nahrungswissen verkümmert.“

Der Wert dieses Wissens aber kann nicht hoch genug eingeschätzt werden – für den Einzelnen und für die Gesellschaft. Die aus diesem Verlust resultierende Fehlernährung belastet eben nicht nur die Betroffenen körperlich und seelisch, sondern auch die Sozialkassen. Ernährungsbedingte Krankheiten wie Diabetes oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen verursachen heute schon Gesundheitskosten von bis zu 70 Milliarden Euro im Jahr. Billen hält es daher für höchste Zeit zu handeln. „Die Über- und Fehlernährung gehört zu den zentralen gesundheitspolitischen und gesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit.“

Wie Politik, Schule, Familien und Verbände auf diese Herausforderung reagieren und zu gesünderen und genussorientierteren Ernährungs- und Lebensweisen beitragen können, diskutierte der vzbv am 22. Januar auf dem Verbraucherpolitischen Forum. Die vzbv-Veranstaltung mit dem Titel „Gesund is(s)t, wer genießt“ richtete sich an Fachleute aus dem Gesundheits- und Ernährungsbereich und fand im Rahmen der Internationalen Grünen Woche statt. Eine zentrale Frage war: Wie lässt sich eine gesunde Ernährung mit Genuss verbinden?

Mehr Genuss – wird das überhaupt gewünscht?

Dass diese Verbindung brüchig geworden ist, scheint festzustehen. Fest steht aber auch, dass sich die meisten Menschen mehr Genuss bei der Ernährung wünschen. Oft scheitert der Wunsch aber an einem Mangel an Zeit und Disziplin. Laut einer Allensbach-Studie würden 85 Prozent der Berufstätigen gerne gesünder essen, aus Zeitmangel machen sie es jedoch nicht. Und in einer vom Lebensmittelkonzern Nestlé in Auftrag gegebenen Studie gab jeder zweite Befragte an: „Erst am Wochenende ernähre ich mich so, wie ich wirklich will.“

Zwischen Wunsch und Wirklichkeit klafft also eine riesige Lücke. Doch wie kann die geschlossen werden? „Wir müssen lernen, Essen und Kochen wieder mehr zu genießen statt als bloße Befriedigung der Kalorien- und Nährstoffzufuhr zu betrachten“, sagt Gerd Billen. Eine bewusste und genussorientierte Ernährung sei die Grundlage für Gesundheit und Wohlbefinden. Informationsangebote und Broschüren zu einer gesunden Ernährungsweise seien dabei zwar wichtig, die kognitive Ansprache allein reiche für Verhaltensänderungen aber nicht aus.

Ähnlich argumentiert Prof. Dr. Ines Heindl vom Institut für Ernährungs- und Verbraucherbildung an der Universität Flensburg. Beim Thema gesunde Ernährung habe es in der Vergangenheit einen starken Trend zur Verwissenschaftlichung und zur Konzentration auf Stoffwechselvorgänge gegeben, so Heindl, Genuss und Sinnlichkeit seien dabei ein Stück weit abhanden gekommen. Verschärfend wirke der Trend zur Enthäuslichung. „Wir können nicht mehr davon ausgehen, dass Essen heute im Privaten gelernt wird“, sagt die Wissenschaftlerin. „Und wir können schon gar nicht davon ausgehen, dass das mit positiver Konnotation geschieht.“ Sprich: Wenn Ernährung überhaupt noch im familiären Kreis gelernt wird, geschieht das nicht zwangsläufig anhand positiver Leitbilder – sondern eben auch am schlechten Vorbild.

Das Präventionsdilemma und die Rolle der Schule

Will die Ernährungs- und Verbraucherbildung hier gegensteuern, stehe sie vor einem „Präventionsdilemma“. Was Menschen über gesunde Ernährungsweisen wüssten, hinge entscheidend vom sozialen Status, von Herkunft, Beruf und Einkommen ab, so Heindl. Herkömmliche Informationen zur Ernährungsbildung erreichten daher oft nur die ohnehin Informierten. Die große Frage bleibe, wie die weniger Informierten erreicht werden können.

Große Hoffnungen setzt die Ernährungswissenschaftlerin auf die Schule. Sie könne Kinder dabei unterstützen, gesundheitsbewusste Entscheidungen zu treffen. Voraussetzung dafür sei die Einbindung des Themas in die Lehrpläne. Zwar gebe es sinnvolle Curricula, ein anspruchsvoller Lehrplan sei beispielsweise im Modellprojekt „Reform der Ernährungs- und Verbraucherbildung in allgemein bildenden Schulen“ (REVIS) entwickelt worden. An der Umsetzung in der Schule hapere es aber noch. Einzig Schleswig-Holstein hat sich laut Heindl bislang daran gemacht, ein ähnlich tragfähiges Konzept umzusetzen.

Dass auch in den Familien ein Umdenken nötig ist, erklärte Dr. Dirk Dammann. Der Chefarzt der Rehabilitationskinderklinik der Waldburg-Zeil Fachkliniken Wangen arbeitet tagtäglich mit adipösen oder übergewichtigen Kindern und Jugendlichen und weiß, dass das Wissen über eine gesunde Ernährung nicht automatisch in gesünderen Ernährungsweisen mündet. „Selbst wenn wir die Kinder hier ausführlich schulen und denken, Erfolge erzielt zu haben – wieder zuhause setzen sie ihr Wissen meist nicht mehr um.“

„Es sollte keine Verbote geben“

Verbote oder erneute Diätappelle machen die Sache nur noch schlimmer, sagt Dammann. Essen sei immer auch mit Emotionen verbunden, die man mit dem Verbot ebenso unterbinde. Zudem habe jedes Verbot seine innere Dynamik, die das Verbotene nur umso interessanter mache. Studien belegten das. Auch wirkten viele Verbote lange nach. „Kinder, die wenig Süßes essen durften, haben noch als Erwachsene einen deutlich höheren Heißhunger auf Kohlehydrate als Kinder, deren Eltern den Umgang mit Zucker lockerer gehandhabt haben“, erläutert Dammann.

„Es sollte keine Verbote geben“, fordert der Praktiker daher. Stattdessen sollte versucht werden, Eltern dafür zu gewinnen, Kindern auch beim Essen frühzeitig ein Vorbild zu sein. „Dann können wir auch verhindern, dass Kinder Essen missbrauchen um etwa ihre Gefühle zu steuern“, so Dammann. Unterm Strich gelte: Je einengender Ernährungsprogramme ausgelegt würden, desto schlechter seien ihre Ergebnisse.

Tatsächlich scheinen sich die Zeiten, in denen einzig Verzicht gepredigt wurde, ihrem Ende zu nähern. „Es gibt zahlreiche gute und erfolgversprechende Ansätze der Prävention, die nicht auf Vermeidung und Verzicht abzielen, sondern Genuss und Freude am Essen und an der gemeinsamen Essenszubereitung in den Vordergrund stellen“, weiß auch vzbv-Vorstand Billen. Die Verbraucherzentralen verfolgten beispielsweise mit Projekten wie „MachBar-Tour“ und „Fit im Alter“ solche Ansätze. Dabei geht es nicht mehr nur um Einkaufstrainings oder Haushaltsführung, sondern auch um das Training der eigenen Sinne und Geschmacksnerven. Sind die fit, ist eine wichtige Voraussetzung für Genuss gelegt.

Ähnliche Ansätze verfolgen nicht nur Verbände, Wissenschaftler und Praktiker, auch einzelne Menschen oder Gruppen setzen inzwischen auf die Wiederbelebung des Genusses. Zu einiger Bekanntheit hat es zum Beispiel die Initiative Slow Food gebracht. Die versteht sich als Gegenbewegung zum „Fast Life“ und tritt für die „Wahrung des Rechts auf Genuss“ ein. Und das durchaus erfolgreich, wie Ulrich Rosenbaum, Slow Food-Pressesprecher in Deutschland, auf der vzbv-Tagung erläuterte: Weltweit haben sich mittlerweile 90.000 Menschen der Bewegung angeschlossen, davon 9.000 in Deutschland.

IN FORM – nationale Strategie soll gute Ansätze bündeln

Bleibt die Frage, welchen Beitrag die Politik zum Genuss, vor allem aber zu einer sinnvollen Prävention ernährungsbedingter Krankheiten leistet. Präventionsprogramme und -projekte von Bund, Ländern und Kommunen gibt es viele. Was bislang fehlte, war eine Strategie, die diese Aktivitäten bündelt. Das soll sich nun mit der Ende vergangenen Jahres gestarteten Initiative Deutschland IN FORM ändern. Erstmals gibt es damit eine nationale Strategie, die die Prävention von Fehlernährung, Bewegungsmangel, Übergewicht und damit zusammenhängenden Krankheiten ins Visier nimmt. Der vzbv sieht darin „positive Ansätze“.

Die bescheinigte auch Dr. Uwe Prümel-Philippsen von der Bundesvereinigung Prävention und Gesundheitsförderung dem Aktionsplan. Für eine endgültige Bewertung sei es zwar zu früh. Dass der Plan aber explizit auch auf eine Steigerung der Lebensqualität setze, habe „eine neue Qualität“, so der Geschäftsführer der Bundesvereinigung. IN FORM setze auf das Zusammenspiel verschiedener gesundheitsfördernder Faktoren und betone vor allem die Lebensumstände der Bürgerinnen und Bürger. Dadurch entstünde die Chance, dass Bewusstsein für die Themen Bewegung und Ernährung zu erhöhen, so der Experte. Auch wenn Fragen offen blieben, sei IN FORM ein „guter Anfang, um einen gesunden Lebensstil in breiten Teilen der Bevölkerung zu etablieren“.

Damit dieser gute Anfang kein schlimmes Ende nimmt, muss der Aktionsplan nach Ansicht des vzbv flächendeckend umgesetzt und durch ein Präventionsgesetz unterstützt werden. Auch seien weitere flankierende Maßnahmen notwendig. Der vzbv rief daher anlässlich der Tagung die Bundesregierung erneut dazu auf, durch eine vereinfachte und auf einen Blick eingängige Nährwertkennzeichnung – die so genannte Ampel-Kennzeichnung – den Verbrauchern die Auswahl von Lebensmitteln zu erleichtern.

Die Bundesländer sieht der vzbv zudem dabei in der Pflicht, durch Bildungsangebote für Kinder und Familien der Über- und Fehlernährung entgegenzuwirken. Außerdem müssten die Länder die gesundheitsfördernde Verpflegung in Schulen und Einrichtungen der Gemeinschaftsverpflegung fördern. Die Lebensmittelindustrie wiederum müsse das Angebot an schmackhaften und gesunden Produkten erhöhen, fordern die Verbraucherschützer.

Das wird aber wohl nur passieren, wenn die Nachfrage nach solchen Produkten steigt. Die Verbraucher spielen hier an der Ladentheke eine wichtige Rolle. Sie können mit ihrem Einkauf nicht nur Einfluss auf das Angebot nehmen, sie können auch die eigene Lebensqualität zum Guten beeinflussen. „Beim Essen geht es um die Einstellung zu sich selbst, sich selbst etwas Gutes zu tun“, sagt vzbv-Chef Gerd Billen. Damit habe es jeder Mensch in der Hand, sich durch bewusstes und genussorientiertes Essen zu belohnen.

Stand: Februar 2009

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