Spielzeug aus Fernost war in den vergangenen Monaten immer wieder wegen möglicher gesundheitsschädlicher Wirkungen in den Schlagzeilen. Es ging um Blei im Spielzeug und giftige Plastikkügelchen und um eine der größten Rückrufaktionen, die das Spielzeugland bis dahin gesehen hatte. Bedauernswerte Einzelfälle? Oder doch Fehler im System?
Wohl eher Letzteres, wie zumindest die Häufung der Fälle nahelegt. Alleine der US-Konzern Mattel musste in den vergangenen Monaten über 20 Millionen in China produzierte Artikel zurückgerufen. Sie waren unter anderem mit bleihaltiger Farbe belastet und wurden auch in Deutschland vertrieben. Nach Angaben des Unternehmens waren hierzulande sieben Tier- und Möbel-Spielsets der Marke Barbie sowie ein Spielzeug-Güterzug der Marke Geotrax betroffen. Das war – wohlgemerkt – nur eine Rückrufaktion, die der Konzern dieses Jahr in die Wege leiten musste.
Anfang November dieses Jahres musste das Unternehmen auch Produkte der Marke Fisher Price zurückrufen. An dem Produkt „Lernspaß Küche“ könnten „sich Kleinteile des Wasserhahns bzw. die Weckerzeiger vom Spielzeug lösen und im Falle des Verschluckens für Kinder eine Erstickungsgefahr darstellen“, so Mattel. Weltweit wurden circa 196.000 Produkte zurückgerufen, davon rund 4.800 Stück in Deutschland.
Knock-out-Tropfen im Kinderspielzeug
Ebenfalls Anfang November wurde bekannt, dass ein in China hergestelltes Spielzeug eine Chemikalie enthalten soll, die beim versehentlichen Verschlucken wie Knock-out-Tropfen wirkt. Zwei Kinder in den USA und drei in Australien mussten laut Medienberichten ins Krankenhaus, nachdem sie Teile des Produktes verschluckt hatten. Es handelte sich um kleine, mit einer Flüssigkeit gefüllte Kugeln, aus denen sich Figuren bauen lassen. In den USA waren sie unter dem Namen „Aqua Dots“ im Handel, in Australien hießen sie „Bindeez“, kurz vor dem Rückruf wurden sie dort noch zum Spielzeug des Jahres gekürt. In Deutschland waren die Kügelchen ebenfalls im Handel, wurden mittlerweile jedoch aus den Regalen genommen.
Diese Rückrufaktionen sind also keine Einzelfälle. Immer wieder stoßen Testzeitschriften, Behörden oder Institute auf Spielzeug, das alles andere als sicher ist. Dass sich das in Zukunft von alleine ändert, ist mehr als unwahrscheinlich. Die erneuten Rückrufe von Mattel könnten ein Zeichen dafür sein, dass Unternehmen mehr Sicherheitsprüfungen für ihre Produkte durchführen.
Wenn das so ist, wäre das sicherlich gut, wirft aber die Frage auf, wie in der Vergangenheit verfahren wurde und welchen Stellenwert die Gesetze zur Produktsicherheit in Europa eigentlich haben. Nach Einschätzung des Europäischen Büros der Verbraucherorganisationen (BEUC) ist dieser Stellenwert nicht der höchste. Weder wurden die bestehenden europäischen Gesetze zur Sicherheit von Spielzeug in der Vergangenheit richtig durch die EU-Mitgliedsländer umgesetzt. Noch seien die verschiedenen EU-Vorschriften zur Produktsicherheit in sich schlüssig, so der Verband. Hinzu kämen zersplitterte Zuständigkeiten in der Europäischen Kommission, die eine Überwachung der Produktsicherheit in den Mitgliedsländern erschwere. Eine Situation, die laut BEUC zu „Verwirrung und schlechter Regulierung der Produktsicherheit“ führe.
Gesetzgeber lässt Lücken
Der Gesetzgeber lässt also Lücken, die die Spielzeughersteller nutzen, um der Nachfrage der Verbraucher nach billigem Spielzeug nachzukommen. Mehr als die Hälfte des in Deutschland angebotenen Spielzeugs stammt aus Fernost, hier insbesondere aus China, der neuen Werkbank der Welt. Qualität steht dort bei der Herstellung selten im Vordergrund, die Exportprodukte sollen vor allem wenig kosten. Eben so, wie es die Märkte in Übersee nachfragen. Qualitätskontrollen und Grenzwerte für Schadstoffe fallen da schnell unter den Tisch – sofern sie überhaupt bekannt sind. Daran können bislang auch die Import-Vorschriften der Europäischen Union nichts ändern, da die nicht immer erfüllt und verlässlich kontrolliert werden können.
Die Konsequenz: Immer wieder werden schädliche Stoffe eingesetzt oder bleiben als Reste oder Verunreinigungen im Spielzeug zurück. Sind das nicht zu vermeidende Folgen der Globalisierung? Lässt sich nicht mehr überprüfen, was auf anderen Kontinenten für die heimischen Märkte produziert wird? Und was sagen die verschiedenen Gütesiegel eigentlich aus, die sich auf vielen Verpackungen finden lassen? Können sie dem Verbraucher keine Orientierung geben? Viele Fragen, die zusammen mit den massiven Rückrufaktionen erstmal nur eine Vermutung zulassen: Irgendwas muss da ziemlich schief laufen.
Weiterführende Seiten
- Einleitung
- Der Rechtsrahmen
- Label und Prüfzeichen: Garant für sicheres Spielzeug?
- Was sich ändern muss: Forderungen des vzbv
- Sicheres Spielzeug: Was Verbraucher tun können
- Weiterführende Informationen
Stand: November 2007