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Was bedeutet eigentlich Nachhaltigkeit?

Die Rede von der Nachhaltigkeit hat Hochkonjunktur. Ob Wirtschaftsführer, Politiker oder Wissenschaftler – kaum jemand verzichtet darauf, diesen Begriff zur Unterstreichung der Bedeutung seines Anliegens im Munde zu führen. Trotzdem verbinden immer noch wenige Menschen überhaupt etwas mit diesem Begriff. Eine genaue Vorstellung davon, was mit Nachhaltigkeit gemeint ist, fehlt häufig. Woher stammt dieses sperrige Wort also? Was steckt dahinter? Und inwieweit betrifft die Rede von der Nachhaltigkeit eigentlich jeden Einzelnen?

Wer der Nachhaltigkeit auf den Grund gehen möchte, muss zunächst einige Jahre zurückgehen, und zwar in das barocke Sachsen, zu Hans Carl von Carlowitz in die ehemalige Silberstadt Freiberg. Den Forstwirt von Carlowitz (1645-1714) drückte damals ein besonderes Problem: der Holzmangel. Auf Reisen bemerkte er, dass die Knappheit an der Ressource Holz, verursacht durch Raubbau, überall in Europa ein akutes Problem war. Entwaldung war die sichtbare Folge, die Vernichtung der wirtschaftlichen und ökologischen Lebensgrundlagen künftiger Generationen die abzusehende.

Der Raubbau am Wald brachte zwar einigen schnelle Profite. Allerdings sah von Carlowitz auch, dass durch den Raubbau langfristig die Grundlagen für künftige Einkünfte wegbrachen. Daraus entwickelte der Forstwirt, verkürzt gesagt, das Prinzip der Nachhaltigkeit: Schlage nicht mehr Holz ein, als nachwächst, und pflanze neue Bäume, damit auch nachfolgende Generationen diese Ressource nutzen können.

Nachhaltigkeit: Siegeszug einer Idee oder Beliebigkeit eines Begriffes?

Mittlerweile hat der Begriff Nachhaltigkeit eine enorme Ausweitung erfahren und gilt längst nicht mehr nur in der Forstwirtschaft. Wir sprechen von „Nachhaltiger Entwicklung“, „Nachhaltigem Konsum“, „Nachhaltigem Wirtschaften“, von „Bildung für Nachhaltigkeit“ und sogar in der EDV und der Rentenberechnung hat sich der Begriff Nachhaltigkeit niedergeschlagen. Dies lässt einerseits darauf schließen, dass der Gedanke der Nachhaltigkeit einen Siegeszug angetreten hat, zeugt andererseits aber auch von der Gefahr der beliebigen Verwendung. Was ist also der Kern dieses sperrigen Begriffes?

Die grundlegenden Prinzipien

Schaut man auf die jüngere Entwicklung des Konzeptes der Nachhaltigkeit, werden schnell grundlegende Prinzipien deutlich. Nachhaltigkeit bezieht sich immer auf die Gestaltung anstehender Entwicklungen. Dabei ist es zunächst zweitrangig, ob es sich um wirtschaftliche (etwa Wirtschaftswachstum), soziale (zum Beispiel Einkommensverteilung) oder ökologische (zum Beispiel Verringerung der Schadstoffemissionen) Prozesse handelt. Magisches Dreieck der Nachhaltigkeit

Nachhaltig sind diese Entwicklungsprozesse dann, wenn sie Umweltgesichtspunkte gleichberechtigt mit sozialen und wirtschaftlichen Gesichtspunkten behandeln. Oft wird in diesem Zusammenhang auch vom „Magischen Dreieck der Nachhaltigkeit“ gesprochen. Innerhalb dieses „Magischen Dreiecks“ spielen die drei Aspekte Soziales, Ökologie und Ökonomie die maßgebliche Rolle. Sie stehen in Wechselwirkung miteinander und können nicht isoliert voneinander betrachtet oder gar gegeneinander aufgewogen werden.

In diesem Sinne kann etwa ein Wirtschaftswachstum nur dann als nachhaltig bezeichnet werden, wenn es nicht gleichzeitig zu neuen Ungleichheiten bei der Verteilung des zur Verfügung stehenden Einkommens kommt, also soziale Ungleichheit verschärft, oder zu weiteren Umweltbelastungen etwa durch steigende Schadstoffemissionen führt und somit die Lebensgrundlagen nachfolgender Generationen zerstört.

Bewusstseinswandel seit den 1970er Jahren

Schon hier wird deutlich: Seit den Zeiten von Carlowitz hat sich das Konzept Nachhaltigkeit wesentlich ausdifferenziert. Maßgeblich dazu beigetragen hat ein Bewusstseinswandel einer breiten Öffentlichkeit in den siebziger und achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts.

Nach und nach setzte sich in vielen (post-) industriellen Gesellschaften die Erkenntnis durch, dass sich in einer Welt, die vielerorts durch katastrophale Lebensbedingungen und Umweltschäden gekennzeichnet ist, keine gesunde Gesellschaft oder Wirtschaft entwickeln kann, die auch für nachfolgende Generationen lebenswerte Bedingungen garantiert.
Der Öffentlichkeit wurde immer deutlicher, dass die ökonomische Entwicklung und der technische Fortschritt oft auf Kosten der Umwelt und ihrer Ressourcen gehen. Die augenscheinlichsten Veränderungen wurden bald unter den Stichworten Treibhauseffekt, Abnahme der Ozonschicht, Wasser- und Bodenverschmutzung und Entwaldung (hier vor allem in den tropischen Regenwäldern) diskutiert.

Von der Nachhaltigkeit zur nachhaltigen Entwicklung: Die Brundtland-Kommission

Vor diesem Hintergrund wurde 1983 die damalige Premierministerin von Norwegen, Gro Harlem Brundtland, vom Generalsekretär der Vereinten Nationen damit beauftragt, eine unabhängige Kommission einzuberufen, die diese Probleme untersuchen und Vorschläge zu deren Lösung unterbreiten sollte. Ziel der so genannten Brundtland-Kommission war die Erstellung eines Perspektivberichts zu langfristig tragfähiger, umweltschonender Entwicklung im Weltmaßstab bis zum Jahr 2000 und darüber hinaus.

Der Abschlussbericht der Brundtland-Kommission mit dem Titel „Our Common Future" (deutsch: „Unsere gemeinsame Zukunft“) wurde im Herbst 1987 veröffentlicht. Darin wurde erstmals das Leitbild einer „nachhaltigen Entwicklung“ formuliert.

Unter „nachhaltiger Entwicklung“ wurde und wird seitdem eine Entwicklung verstanden, „die den Bedürfnissen der heutigen Generation entspricht, ohne die Möglichkeiten künftiger Generationen zu gefährden, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen und ihren Lebensstil zu wählen“. Nachhaltigkeit wurde zum Ziel nachhaltiger Entwicklung. Nachhaltige Entwicklung kann somit als der Prozess verstanden werden, der zu diesem Ziel führt.

Mit den Ergebnissen der Brundtland-Kommission wurden vormals zumeist getrennt voneinander betrachtete Politikfelder – sei es die Umweltverschmutzung in Industrieländern oder die Bevölkerungsentwicklung und Armut in der so genannten Dritten Welt – miteinander verzahnt und in ihrem Wirkungsgeflecht gesehen. Daraus ergab sich zwangsläufig die Einsicht, dass die geforderte nachhaltige Entwicklung nicht durch einzelne Maßnahmen eingeleitet werden konnte. Entsprechend forderte die Brundtland-Kommission eine grundsätzliche Verzahnung von ökonomischen, ökologischen und sozialen Aspekten in künftigen (ökonomischen) Entscheidungsprozessen. Einfache Antworten, so wurde deutlich, würden der Komplexität der globalen Herausforderungen nicht mehr gerecht.

Der Weltgipfel von 1992 und die Agenda 21

Die von der Brundtland-Kommission reklamierten Handlungsfelder bedurften allerdings einer Umsetzung in international verbindliche Verträge und Konventionen. Zu diesem Zweck luden die Vereinten Nationen 1992 rund 10.000 Delegierte aus 178 Staaten zu einem Umweltgipfel nach Rio de Janeiro ein.
Ziel der Konferenz war die Entwicklung eines Aktionsplans, um die umrissenen Probleme zu lösen und die Erde künftig schonender – eben: nachhaltiger - zu bewirtschaften. Umweltpolitische Probleme wurden dabei ebenso behandelt wie drängende Entwicklungsprobleme (Bevölkerungsentwicklung, Ressourcenverteilung) im umweltpolitischen Zusammenhang diskutiert wurden.

Neben einer Deklaration über Umwelt und Entwicklung, der Klima- sowie der Artenschutz-Konvention war die so genannte Agenda 21 das wohl weitest reichende Dokument, das auf dem Umweltgipfel 1992 beschlossen wurde.

Diese Agenda 21, ein Aktionsplan zur Umsetzung nachhaltiger Entwicklung für das 21. Jahrhundert, erlangte nie den Status eines Gesetzestextes. Sie blieb eine Handlungsanweisung für Regierungen, mit der die Staaten zur Entwicklung nationaler Strategien aufgerufen wurden. Dazu wurden in den insgesamt 40 Kapiteln der Agenda 21 detaillierte Handlungsempfehlungen für die Sicherung einer lebenswerten Welt für heutige und künftige Generationen aufgezeichnet.

Das Aktionsprogramm gilt sowohl für Industrie- wie für Entwicklungsländer. Es enthält Festlegungen zur Armutsbekämpfung, zur Bevölkerungspolitik, zu Handel und Umwelt, aber auch zur Abfall-, Chemikalien-, Klima- und Energiepolitik sowie zu finanzieller und technologischer Zusammenarbeit der Industrie- und Entwicklungsländer.

Auf nationaler und auf kommunaler Ebene erstellte Aktionspläne sollten zur Umsetzung der Agenda 21 beitragen. Viele Regionen und Kommunen haben sich dieser Handlungsempfehlungen angenommen. So wurden beispielsweise lokale oder regionale Agenda 21-Gruppen gegründet, die vor Ort den Nachhaltigkeitsgedanken in konkrete Projekte umzusetzen versuchten. Als Träger fungierten neben Kommunen und Ländern auch Bürgerinitiativen oder Umweltschutzgruppen.

Zehn Jahre nach Rio

2002, also zehn Jahre nach dem Rio-Gipfel, fand der so genannte Weltgipfel für nachhaltige Entwicklung in Johannesburg statt. Obwohl dieser Weltumweltgipfel weniger weit reichende Vereinbarungen gebracht hatte als von vielen Umweltverbänden und anderen Nicht-Regierungs-Organisationen erhofft, hat er doch den sperrigen Begriff der Nachhaltigkeit zu Beginn des 21. Jahrhunderts wieder in die Diskussion und damit stärker ins Bewusstsein gehoben.

Nachhaltigkeitsstrategie der Bundesrepublik Deutschland

Auf dem Weltgipfel zur nachhaltigen Entwicklung wurden zudem von den teilnehmenden Staaten nationale Nachhaltigkeitsstrategien vorgelegt. Die Bundesrepublik Deutschland etwa verabschiedete im April 2002 unter dem Titel „Perspektiven für Deutschland" ihre Strategie für eine Nachhaltige Entwicklung. Für die vier Handlungsfelder Energie und Klimaschutz, Verkehr, Landwirtschaft und Globale Verantwortung werden in dem Dokument konkrete Maßnahmen genannt.

So soll bis zum Jahr 2020 die Energieproduktivität gegenüber dem Jahr 1990 verdoppelt werden. Ziel ist es, mit der gleichen Menge Energie mehr Wirtschaftsleistung zu erbringen. Ebenso soll der Anteil der erneuerbaren Energien bis 2010 gegenüber dem Jahr 2000 verdoppelt werden. Bis Mitte des Jahrhunderts sollen erneuerbare Energien rund die Hälfte des Energieverbrauchs decken. Ein weiteres Ziel: Der Anteil des Schienenverkehrs an der Güterverkehrsleistung soll bis 2015 gegenüber 1997 verdoppelt werden. Außerdem sollen in den Jahren 2008 bis 2012 die so genannten Kyoto-Gas-Emissionen um 21 Prozent gegenüber 1990 verringert werden.

Zugleich wurde in Deutschland der „Rat für Nachhaltige Entwicklung“ eingerichtet, der die Bundesregierung in ihrer Nachhaltigkeits-politik berät. Der Rat ist dazu aufgefordert, eigene Vorschläge zu Zielen und Indikatoren zur Fortentwicklung der Nachhaltigkeitsstrategie zu unterbreiten und den gesellschaftlichen Dialog zur Nachhaltigkeit zu fördern. Der Verbraucherzentrale Bundesverband e.V. ist im Rat für Nachhaltige Entwicklung durch seinen Vorstand, Prof. Dr. Edda Müller, in der Position der stellvertretenden Ratsvorsitzenden vertreten.

Gefordert ist der Einzelne

300 Jahre nach von Carlowitz ist der Begriff der Nachhaltigkeit nicht mehr von den politischen, wissenschaftlichen und ökonomischen Agenden wegzudenken. Zugleich hat der dahinter stehende Gedanke eine enorme Entwicklung und Ausdifferenzierung erfahren. Was jedoch auch nach drei Jahrhunderten gleich bleibt, ist die Verantwortung des Einzelnen, die Prinzipien der Nachhaltigkeit umzusetzen.

Letztlich lebt nachhaltige Entwicklung vom Mitwirken aller Beteiligten auf allen Ebenen – global, national, regional, lokal und schließlich vom Individuum. Wenn die Ziele einer nachhaltigen Entwicklung Realität werden sollen, ist jeder Einzelne zu aktivem Handeln aufgefordert. Dem Verbraucher stehen im Konsumalltag dazu viele Wege offen.

Nachhaltigkeit im Konsumalltag

Nachhaltig konsumieren heißt zunächst, sich über die Folgen des eigenen Konsums bewusst zu werden und Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen. Nachhaltig konsumieren heißt also auch immer, sich zu informieren über Produkte und Dienstleistungen, die den drei Säulen der Nachhaltigkeit – Soziales, Ökonomie, Ökologie – gerecht werden.

Verbraucher können etwa beim Einkauf darauf achten, dass sie gesunde und ausreichend bezahlte Arbeitsbedingungen für all jene sichern, die mitgeholfen haben, das Produkt herzustellen. Verbraucher können darauf achten, dass die natürlichen Lebensgrundlagen unserer Welt, die Tiere und Pflanzen, die Atmosphäre, der Boden und das Wasser geschützt werden bzw. deren Funktions- und Leistungsfähigkeit erhalten bleibt. Und Verbraucher können durch Kaufentscheidungen darauf hinwirken, dass der Markt sich von der reinen Preisorientierung in Richtung fairer und sozialer Handel verschiebt.

Ganz konkret tragen eine effizientere Ressourcen- und Energienutzung, etwa durch Abfallvermeidung, sparsameren Umgang mit Wasser oder die Nutzung erneuerbarer Energieträger, ebenso zur Durchsetzung von nachhaltigen Lebensweisen bei wie der bewusste Umgang mit dem Auto, die Bevorzugung von Lebensmitteln aus der Region oder sozialverträgliche Investmententscheidungen. Wird das weiter oben erwähnte „Magische Dreieck der Nachhaltigkeit“ bei alltäglichen Konsumentscheidungen mitgedacht, bringen vermeintlich kleine Schritte große Fortschritte.

Stand: November 2005

Weiterführende Informationen

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Unterrichtsmaterialien und Fachbeiträge

Standpunkte

  • Zukunft macht Schule. Rede zur nationalen Auftaktveranstaltung zur UN-Dekade „Bildung für nachhaltige Entwicklung" von ZDF, UNESCO und dem Bundesministerium für Bildung und Forschung am 13. Januar 2005, Mainz. Vortrag von Prof. Dr. Edda Müller, stellvertretende Vorsitzende des Rates für nachhaltige Entwicklung und Vorstand Verbraucherzentrale Bundesverband e.V.
  • Verbraucherbildung und Bildung für Nachhaltige Entwicklung. Verantwortung für die Zukunft übernehmen. Beitrag von Hildegard Mackert, Referentin für Fortbildung, Verbraucherzentrale Bundesverband e.V. Herbst 2004.

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