Interview mit Petra Fock, Leiterin der Koordinierungsstelle Rund ums Alter Charlottenburg-Wilmersdorf, Berlin
Älter werden bringt Veränderungen mit sich, die eine Vielzahl von Entscheidungen im privaten Umfeld erfordern. Die Koordinierungsstelle Rund ums Alter mit Sitz in Berlin, Charlottenburg-Wilmersdorf hilft seit nunmehr 17 Jahren ältere Mitbürger bei anstehenden Veränderungen. Die Koordinierungsstelle unterstützt Senioren und Seniorinnen dabei, so lange wie möglich in den eigenen vier Wänden zu wohnen, um unnötige Heimeinweisungen zu vermeiden. Die Koordinierungsstelle Rund ums Alter berät daneben zu sozialrechtlichen Fragen, zur Pflegeversicherung aber auch zu alten- und behindertengerechten Wohnungsanpassungen. Dazu gehören u.a. die Beantragung der erforderlichen Umbaumaßnahmen, die Vermittlung der verschiedenen Dienstleister sowie die Klärung von Finanzierungsmöglichkeiten. Ziel der Koordinierungsstelle ist es, älteren, pflegebedürftigen Menschen ein selbst bestimmtes Leben in den eigenen vier Wänden zu ermöglichen.
Die Leiterin der Einrichtung, Petra Fock, im Interview mit www.verbraucherbildung.de:
Sie haben tagtäglich ganz praktisch mit dem Thema „Wohnen im Alter“ zu tun. Was bekommen Sie für Anfragen zu diesem Thema? Wer kommt auf Sie zu?
Das lässt sich nicht so einfach auf einen Nenner bringen, dazu ist das Thema Wohnen im Alter viel zu komplex. Das macht schon die Vielfalt an Möglichkeiten deutlich, die ältere Menschen heute diesbezüglich haben: Es gibt die Seniorenwohnhäuser, Service-Wohnen oder auch Betreutes Wohnen, Gemeinschaftliches Wohnen und natürlich auch das klassische Pflegewohnheim. Die meisten Senior/innen möchten jedoch in ihrer eigenen Wohnung bleiben. Wer angestammt wohnt, möchte häufig nicht mehr andernorts neue Wurzeln schlagen – auch nicht, wenn die Altersgebrechlichkeit schon gespürt wird. Gerade diese Menschen kommen auf uns zu und fragen, wie sich ihre Wohnung dem Alter oder ihrer Behinderung entsprechend anpassen lässt.
Stark zugenommen haben dennoch in den letzten Jahren Beratungen zu den Themen Betreutes Wohnen und Service-Wohnen. Allerdings werden diese Begriffe beliebig verwendet, so dass oft unklare Vorstellungen von diesen Wohnformen uns gegenüber geäußert werden.
Etwa das Betreute Wohnen: Viele Menschen haben die Vorstellung, hier gibt es einen kostenlosen Einkaufsdienst, nach Bedarf wird gepflegt und betreut. Dies ist aber nicht so. Die angebotenen Dienstleistungen sind vom Umfang und von der Qualität sehr unterschiedlich und können stark variieren. Der Service reicht von einer Hausnotrufanlage über Hausmeisterdienste bis hin zu kulturellen Angeboten. Da Service-Wohnen oder auch Betreutes Wohnen keine klar definierten und geschützten Begriffe sind, ist hier besonders darauf zu achten, was der jeweilige Anbieter mit seinem Leistungspaket tatsächlich vorhält.
Allen Konzepten gemeinsam ist aber, dass es sich bei dieser Wohnform um ein selbstständiges Wohnen in der eigenen, abgeschlossenen Wohnung mit zusätzlichen Dienstleistungsangeboten handelt.
Anderweitige Unterstützung oder Hilfe muss bei Bedarf zugekauft werden, dies ist zum Beispiel die Inanspruchnahme von Begleit- und Pflegedienstleistungen.
Zu anderen, alternativen Wohnformen werden wir zwar auch angefragt – etwa nach generationsübergreifenden oder selbst verwalteten Wohnprojekten - dann aber meistens von Menschen im Alter zwischen fünfzig und sechzig Jahren, die gerne etwas Neues ausprobieren möchten. Dies ist aber ein noch überschaubarer Anteil, obschon auch hier die Anfragen zunehmen. Im höheren Alter wird jedoch das Interesse an diesen Wohnformen geringer. Hier werden eher die Beratungen nach Möglichkeiten zur Wohnungsanpassung nachgefragt.
Dabei können wir beobachten, dass die meisten Interessenten weit über siebzig Jahre alt sind. Der Wunsch nach einem Wohnungswechsel, beispielsweise in eine andere altengerechte Wohnung, wird in höherem Alter seltener geäußert.
Die meisten Menschen nehmen mit zunehmendem Alter eher die räumlichen Einschränkungen als gegeben hin. Dies kann zum Beispiel: der fehlende Fahrstuhl oder aber auch die nicht zu nutzende hohe Badewanne sein.
Welche besonderen Anforderungen stellen seniorengerechte Wohnungen?
Seniorengerechte Wohnungen sollten inner- und außerhalb der Wohnung ebenerdige Zugänge aufweisen, die auch von Rollstuhlfahrer benutzt werden können. Die Eingangstür sollte aus Gründen der besseren Sichtbarkeit teilweise mit Glas versehen, die Hausflure gut beleuchtet sein.
Ein unbedingtes Muss bei Etagenwohnungen ist der Fahrstuhl. Das Badezimmer schließlich sollte nicht mit einer Badewanne oder einer hohen Duschtasse, sondern mit einem ebenerdigen Duschplatz ausgestattet sein. Aber es sind auch viele vermeintliche Kleinigkeiten: Türschwellen, die zum Hindernis werden, Steckdosen, die bodennah und nicht hüfthoch angebracht sind. Fenster müssen sich für die tägliche Frischluft leicht öffnen lassen, ein Türspion sollte Einblick in den Eingangsbereich gewähren. Aber auch ein Balkon, Garten oder eine Terrasse steigert bei abnehmender Mobilität nicht nur die Lebensqualität, sondern auch die Bewegungsfreiheit.
Welche Anforderungen muss das Wohnumfeld erfüllen?
Wir beraten die Klienten/innen dahingehend, sich das Wohnumfeld vor einem Umzug sehr genau anzuschauen. Wichtig sind eine gute Verkehrsanbindung, kurze Wege und schnell zu erreichende Geschäfte für den Einkauf des alltäglichen Bedarfs, wie zum Beispiel der Bäcker, die Bank oder der Supermarkt. Aber auch die medizinische Versorgung sollte im nahen Umfeld gewährleistet sein. Ebenso wichtig für eine gute Lebensqualität ist auch ein Park in der Nähe, ausgestattet mit Parkbänken und eine Umgebung, in der sich ältere Menschen sicher und wohl fühlen können.
Wo sehen Sie Handlungsbedarf? Was wünschen Sie sich für Ihre Arbeit von Politik und Gesellschaft?
Um dem Wunsch, älterer, pflegebedürftiger und/oder behinderter Menschen, so lange wie möglich ein selbstständiges Leben zu führen, gerecht zu werden, muss von der Wohnungspolitik, aber auch von sozial- und gesundheitspolitischer Seite entsprechend gehandelt werden. Dazu gehört zunächst ausreichend bezahlbarer und barrierefreier Wohnraum. Von Wohnungsbaugesellschaften oder Privateigentümern ist somit eine größere Bereitschaft zu Wohnungsanpassungs-maßnahmen und Umbauten Voraussetzung. Ganz konkret: Es erweist sich oft als problematisch, eine Genehmigung für einen seniorengerechten Badumbau mit der Befreiung vom Rückbau zu erwirken. Dahinter steckt meist die Sorge, dass eine alten- oder behindertengerechte Ausstattung die Wohnqualität verringert und sich damit verbunden zukünftig weniger Miete erzielen lässt.
Wünschenswert wäre aber auch ein vielfältigeres Angebot von Betreutem Wohnen – und zwar zu bezahlbaren Preisen. Im Idealfall in kleineren Wohneinheiten, auch generationsübergreifend. Es gibt zwar schon einige, sehr gute Einrichtungen, übrigens oft privat initiiert. Die Anzahl dieser Einrichtungen ist aber noch viel zu gering.
Künftig brauchen wir für ältere, hoch betagte, pflegebedürftige und behinderte Menschen viele unterschiedliche Wohnformen. Ich denke da an kleinteilige Einrichtungen, wie es sie bereits heute schon für Demenz-Kranke gibt. Das Thema kommt unweigerlich auf uns zu.
Generell brauchen ältere, körperlich eingeschränkte Menschen, egal ob in der eigenen Wohnung oder anderweitig, viel mehr Unterstützung und Ansprache. Hier ist jedoch auch die Allgemeinheit insgesamt gefragt. Immobile Menschen, die ihre Wohnung nicht mehr allein verlassen können, werden zwar über ambulante Dienstleister, wie zum Beispiel einer Pflegestation oder dem Fahrbaren Mittagstisch versorgt, aber es ist selten jemand da, der Zeit zum Zuhören mitbringt, Unterstützung bei der Ämterkorrespondenz anbietet oder einfach mal eine Glühbirne auswechselt. Wir versuchen dies teilweise durch freiwillige Mitarbeiter zu kompensieren. Freiwillig Engagierte führen bei allein lebenden Menschen Besuchsdienste durch, damit diese nicht vereinsamen. Aber mit unseren Diensten allein sind die Folgen gesellschaftlicher Entwicklungen, etwa das Wegbrechen traditioneller Familienstrukturen, natürlich nicht auszugleichen.
Kontakt:
Koordinierungsstelle Rund ums Alter Charlottenburg-Wilmersdorf
Bundesallee 158
10715 Berlin
Telefon: 030 - 893 12 -31 / -72
Fax: 030 - 857 283 37
E-Mail: rund-ums-alter@uhw-berlin.de
Informationsblätter zum Thema Wohnen im Alter können über die Koordinierungsstelle bezogen werden.
Stand: Oktober 2005