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Wohnen im Alter: Formen, Entscheidungshilfen, Herausforderungen und Chancen

Lebensqualität im Alter lässt sich nicht nur an der finanziellen Absicherung und der gesundheitlichen Vorsorge festmachen. Ebenso wichtig wie Geld und Gesundheit ist eine auf die persönlichen Bedürfnisse abgestimmte Wohnform – denn oft werden die eigenen vier Wände nach der Pensionierung zum Mittelpunkt des Lebens.

Was macht gutes Wohnen im Alter aber aus? Welche der vielen Angebote sind empfehlenswert? Welche entsprechen den persönlichen Bedürfnissen nach Nähe oder Distanz, nach Selbständigkeit oder Versorgungssicherheit am ehesten?

Zu diesen Themen sind ebenso Informations- wie auch Bildungsangebote gefragt, die nicht nur zielgruppengerecht lebenslanges Lernen gewährleisten, sondern sich auch mit speziellen Aspekten veränderter Alltagsgestaltung auseinandersetzen.
So können diese Fragen sehr produktiv dazu genutzt werden, neue und unterschiedliche Wohn- oder sogar Lebensentwürfe näher zu betrachten, durchzuspielen und damit die eigenen Wünsche besser kennen zu lernen und möglicherweise leichter zu einer Entscheidung zu kommen.

Alter ist relativ

Soviel vorab: Eine allgemeingültige Antwort gibt es nicht. Die Bedürfnisse der älteren Menschen sind so vielfältig, wie der Begriff Alter unpräzise und relativ ist. Ist alt, wer das Berufsleben hinter sich gebracht hat? Ist Alter in Lebensjahren messbar? Oder ist man erst alt, wenn man krank ist und Hilfe braucht? Schon hier wird deutlich, dass es kaum möglich ist, unter dem Aspekt „Alter“ Wohnformen für Ältere zu diskutieren.

Doch auch wenn Alter relativ ist - diese Lebensphase ist mit Einschränkungen verbunden, die die bisher gewohnte Form der Lebensführung erschwert oder gar unmöglich macht. Bestimmte Alterungsprozesse mit all ihren Konsequenzen für die physische und psychische Konstitution bleiben niemandem erspart. Die Wahrnehmung, die Sinnesorgane, aber auch Kraft und Motorik sowie das Gedächtnis lassen nach.

Anforderungen an die Wohnung und das Wohnumfeld

Wohnen im Alter ist somit von besonderen Bedingungen geprägt. Der Wohnbedarf ändert sich. Eine Wohnung kann beispielsweise schnell für eine Person zu groß werden, wenn der Partner verstorben ist. Anfallende Hausarbeiten können unter Umständen nicht mehr bewältigt werden. Auch bauliche Bedingungen, etwa steile Treppen oder ein hoher Einstieg in die Badewanne, können im Alter oder bei eintretender Behinderung zu unüberwindbaren Hindernissen werden. Seniorengerechte Wohneinheiten oder gar Wohnungen, die der DIN-Norm 18025 für Barrierefreies Wohnen entsprechen, sind heute noch die Ausnahme.

Daneben wird das Wohnumfeld im Alter immer wichtiger. Es gewinnt desto mehr an Bedeutung, je enger der eigene Bewegungsradius wird. Neben intakten sozialen Netzen - etwa Partner, Kinder, Nachbarn oder die Hausgemeinschaft – ist Kontinuität meist eine zentrale Größe. Erst Kontinuität im Wohnverhältnis gibt Sicherheit, Orientierung und trägt zur Vertrautheit und Zugehörigkeit bei. Ebenso wird die Erreichbarkeit von Märkten, kulturellen oder medizinischen Angeboten, aber auch von Freunden und Verwandten im Alter immer wichtiger. (Dazu mehr hier: Interview: Ein Einblick in die Praxis)

Veränderte Erwartungshaltungen an das Wohnen im Alter

Die Einstellung vieler Senioren gegenüber dem Alterungsprozess hat sich in den letzten Jahren spürbar gewandelt. Dies liegt einerseits an der weiter steigenden Lebenserwartung bei oftmals hoher Vitalität und gesichertem Einkommen. Das liegt aber auch daran, dass immer mehr ältere Menschen allein stehend sind und nicht mehr wie in früheren Zeiten auf helfende Angehörige vertrauen oder zurückgreifen können.

Das hat Folgen. So möchte die Mehrheit älterer Menschen heute so lange wie möglich selbstständig in ihrer vertrauten Umgebung wohnen. Gleichzeitig gibt es eine wachsende Gruppe von Älteren, die bereit sind, im Alter umzuziehen und noch einmal etwas Neues auszuprobieren. Außerdem gibt es einen wachsenden Bedarf nach selbst bestimmten Wohnformen.

Auch im Falle von Hilfe- und Pflegebedürftigkeit wollen Ältere ein möglichst selbst bestimmtes Leben führen und nicht fremdbestimmt in Heimeinrichtungen leben. Das „klassische“ Altenheim scheint somit ausgedient zu haben: 80 Prozent der Pflegebedürftigen können sich heute ein Leben im Heim nicht mehr vorstellen. Nach Ansicht von Experten sind die meisten Heimbewohner faktisch unfreiwillig im Pflegeheim. Das stellt unter anderem der Zwischenbericht im Rahmen des Projektes „Leben und Wohnen im Alter“ der Bertelsmann Stiftung und des Kuratoriums Deutsche Altershilfe fest.

Vielzahl neuer Wohnformen

Vor diesem Hintergrund haben sich in den letzten Jahren ganz unterschiedliche Wohn-Angebote für Ältere etabliert, die so vielseitig wie die Vorstellungen und Wünsche dieser Altersgruppe sind. Die Palette reicht von baulichen Veränderungen in der eigenen Wohnung bis zum Umzug in eine seniorengerechte Wohnung oder in eine Anlage für Betreutes Wohnen.

So erfreulich ein vielfältiges Angebot ist, so verwirrend und unübersichtlich kann es sein. Daher stellen wir auf einer Sonderseite verschiedene Wohnformen im Überblick dar.

Entscheidungen nicht nur vom Angebot abhängig machen

Bei der Entscheidung für eine neue Wohnform im Alter sollte allerdings nicht ausschließlich das Angebot über die persönliche Wohnform und das Wohnumfeld entscheiden, sondern der jeweilige persönliche Bedarf. Und der kann je nach Situation ganz unterschiedlich sein.

Eine grobe Orientierung kann folgende idealtypische Kategorisierung bieten. Die Typisierung orientiert sich dabei an der jeweiligen Situation und dem daraus erwachsenden Bedarf.

Typ I: So lange wie möglich zu Hause bleiben

Die meisten älteren Menschen wollen so lange wie möglich in ihrem vertrauten Wohnumfeld verbleiben. Dabei legen sie großen Wert darauf, ihr Leben unter den gewohnten „normalen“ Umständen weiter zu führen. Die Schwierigkeiten bestehen oft darin, die Versorgungssicherheit zu gewährleisten und soziale Kontakte beizubehalten. Skizze eines altersgerechten Badezimmers

Für diese Menschen bieten sich angepasste oder barrierefreie Wohnungen an. Durch bauliche Anpassungen oder Ausstattungsveränderungen sowie durch den Einsatz von Hilfsmitteln können Wohnungen so verändert werden, dass eine selbstständige Lebensführung (wieder) möglich wird. Unter dem Stichwort „Wohnraumanpassung“ bieten mittlerweile viele Kommunen und Organisationen entsprechende Beratungen und Unterstützung an.

Eine weitere Möglichkeit ist das Betreute Wohnen in den eigenen vier Wänden. Im Regelfall wird dazu ein Betreuungsvertrag mit einem Dienstleister geschlossen, der Pflege- oder Versorgungsleistungen übernehmen kann.

Auch so genannte Siedlungsgemeinschaften bieten die Möglichkeit, im Alter in der eigenen Wohnung zu verbleiben. Entsprechende Unterstützungsleistungen für ältere Menschen werden mitunter bereits von Wohnungsbaugesellschaften oder Selbsthilfe-Initiativen angeboten.

Typ II: Wohnsituation selbst verändern

Ältere Bürger, die ihre Wohnsituation selbst verändern möchten, wollen meist Mängel der „normalen“ Wohnsituation ausgleichen. Das kann die räumlichen Wohnverhältnisse betreffen, die sozialen Kontakte oder die Versorgungssicherheit. Wesentliche Motive für einen Umzug sind: Vorsorge für den Fall der Hilfe- und Pflegebedürftigkeit, aber auch die bewusste und aktive Gestaltung einer neuen Lebensphase.

Entsprechend sind Merkmale wie Selbstständigkeit, Individualität, Gemeinschaft und häufig die Vorhaltung von Dienstleistungsangeboten typisch für Wohnformen, die in einer solchen Situation favorisiert werden.

Besondere (Medien-)Aufmerksamkeit konnten in den letzten Jahren selbst organisierte Wohn- oder Hausgemeinschaften auf sich ziehen. In dieser Wohnform kommen entweder nur ältere oder ältere und junge Menschen zusammen, um gemeinsam in einer Wohnung oder in einem Haus zu wohnen. Jeder Bewohner hat einen eigenen Wohnbereich. Zudem gibt es einige Räume, die von den Bewohnern gemeinschaftlich genutzt werden. Auffällig ist, dass diese Wohnprojekte oft von privaten Personen in Eigenregie gegründet und geführt werden. Bei Bedarf werden ambulante Dienste wie im „normalen“ Wohnen in Anspruch genommen. Bekannt ist diese Wohnform auch unter Begriffen wie Gemeinschaftliches Wohnen oder Gemeinschaftliche Wohnprojekte.

Auch Wohnstifte oder Seniorenresidenzen bieten eine Möglichkeit für ältere Menschen, die ihre Wohnsituation aus eigenem Antrieb ändern wollen. Anders als beim Betreuten Wohnen sind die Bewohner allerdings zur Abnahme von bestimmten Betreuungsleistungen und weiteren Dienstleistungen, etwa Versorgungs- oder Reinigungsleistungen, vertraglich verpflichtet.

Typ III: Änderung der Wohnsituation, weil es nicht mehr anders geht

Wenn der eigene Haushalt nicht mehr bewältigt werden kann, etwa aufgrund von Pflegebedürftigkeit, fehlender Hilfe oder sozialer Isolation, ist das Auswahlspektrum für Wohnalternativen naturgemäß eingeschränkt. Hier bieten sich vor allem Wohnformen an, die darauf ausgerichtet sind, fehlende Hilfe zu gewährleisten.
Dazu zählen neben Alten- und Pflegeheimen auch Betreute Wohngemeinschaften. Pflegeleistungen sowie die hauswirtschaftliche Versorgung und – in unterschiedlichem Umfang – soziale Kontakte werden von diesen Einrichtungen abgedeckt.

Während die Versorgungssicherheit in diesen Wohnformen weitgehend gewährleistet ist, gestaltet sich die Berücksichtigung der individuellen Fähigkeiten und Bedürfnisse der Bewohner oft schwierig. Häufig wird versucht, diesem Institutionalisierungseffekt entgegenzuwirken. Der Alltag wird dazu bewusst „normalisiert“. Dazu wird nicht die Pflege, sondern das Wohnen in den Mittelpunkt gestellt. Die soziale Umwelt, etwa Angehörige, wird ebenso integriert wie versucht wird, die Bewohner in die Alltagsgestaltung einzubeziehen.

Gemeinsame Ziele der unterschiedlichen Wohnformen

Ein Prinzip einigt alle genannten Wohnformen: Sie verstehen sich als Antwort auf die Defizite der traditionellen Wohnangebote für Senioren. Gemeinsam ist ihnen etwa, dass sie ein selbstständiges, selbst bestimmtes und „normales“ Leben auch im Alter fördern möchten. Dabei werden stets Aspekte der Versorgungssicherheit und der Verfügbarkeit von Hilfe im Bedarfsfall berücksichtigt. Häufig wird zudem versucht, diese Wohnformen mit gemeinschaftlichen Lebensformen zu verbinden.

Vage Abgrenzungen, fehlendes Wissen

Viele dieser Wohnformen bieten ohne Zweifel neue Chancen für Ältere. Sie bergen aber auch bestimmte Risiken.

Beim Betreuten Wohnen etwa findet man von der Hausmeisterbetreuung bis zur Vollversorgung eine breite Palette unterschiedlicher Betreuungsangebote. Gemeinschaftliche Wohnprojekte wiederum variieren von der selbst initiierten Wohn- und Hausgemeinschaft bis zum von der Wohnungsbaugesellschaft initiierten Mehrgenerationenwohnprojekt.

Problematisch wird diese Vielfalt dann, wenn diese Wohnangebote sich außerhalb des rechtlich normierten Rahmens bewegen. Der Zwischenbericht im Rahmen des Projektes „Leben und Wohnen im Alter“ weist darauf hin, dass sich Angebote teilweise am System vorbei entwickeln. So gab und gibt es eine breite Diskussion, ob das Betreute Wohnen ordnungsrechtlich als Heimeinrichtung oder als normale Wohnung einzustufen ist. Diskutiert wird außerdem, ob Bestimmungen des Verbraucherschutzes auf das Betreute Wohnen anzuwenden sind oder nicht. Bei Betreuten Wohngemeinschaften wird immer wieder die eigene Häuslichkeit der Bewohner in Frage gestellt. Das hat Folgen, etwa bei der Finanzierung von Leistungen durch die Krankenkassen.

Selbst bei bekannteren Wohnformen können Interessierte häufig nicht einschätzen, was sie von diesen Wohnangeboten erwarten können. Oft fehlen entsprechende Informationen und das Erfahrungswissen, wer diese Wohnangebote nutzt oder von wem sie initiiert werden. Ebenso fehlt eine Übersicht über die jeweilige qualitative und quantitative Entwicklung vor Ort.

Anforderungen an Politik und Gesellschaft

Aufgabe der Politik ist es hier zunächst, einheitliche Rahmenbedingungen zu schaffen, um alternativen Wohnformen den Weg zu ebnen. Das kann über einheitliche Zertifizierungen für diese Wohnformen und einzuhaltende Standards bei den Versorgungs-, Wohn- und Pflegeleistungen gelingen.

Wer Standards setzen will, muss jedoch einen Überblick über die Situation haben. Die Förderung entsprechender Studien zur Wohn- und Lebenssituation Älterer sollte daher intensiviert werden.

Daneben muss zukünftig mehr bezahlbarer und barrierefreier Wohnraum zur Verfügung gestellt werden. Oft sperren sich Wohnungsbaugesellschaften oder Privateigentümer noch gegen Wohnungsanpassungsmaßnahmen und Umbauten, da sie befürchten, dass eine alten- oder behindertengerechte Ausstattung die Wohnqualität verringert und sich so zukünftig weniger Miete erzielen lässt.

Ebenso wichtig sind bauliche und städtebauliche Maßnahmen zur Verbesserung der Wohn- und Lebensverhältnisse Älterer. Wohnformen für Ältere müssen Gettoisierungs- und Ausgrenzungstendenzen entgegenwirken. Gelingen kann dies durch eine vorausschauende Stadtplanung, die von Beginn an auf eine Durchmischung der Generationen setzt. Zu viele Siedlungen leiden heute beispielsweise darunter, dass sie in der Bebauungsphase von einer Altersgruppe bezogen wurden und zusehends vergreisen, wenn die Kinder aus dem Haus sind. Diese Segmentierung wird der Lösung gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Probleme, die aus dem demografischen Wandel erwachsen, entgegenstehen. Und der Altersdiskriminierung weiteren Vorschub leisten.

Die weiter oben stehenden Abbildungen wurden uns freundlicherweise von der Koordinierungsstelle Rund ums Alter, Charlottenburg-Wilmersdorf, Berlin, zur Verfügung gestellt.

Stand: Oktober 2005

Weiterführende Informationen

Weiterführende Informationen auf www.verbraucherbildung.de:

Wohnen im Alter: Ein Einblick in die Praxis. Interview mit Petra Fock, Leiterin der Koordinierungsstelle Rund ums Alter Charlottenburg-Wilmersdorf, Berlin

Wohnformen für Ältere: Ein Überblick

Zum Thema „Alter“ finden Sie auf unserer Website folgende Materialien und Hintergrundinformationen:

• Aktives Alter - Neue Chancen: Materialen von Thomas Erkert, Ursula Frenzel-Altmann und Sabine Kühnert (2000)
Download des Fachbeitrages (.pdf) 1.89 MByte

In unserem Online-Shop finden Sie zudem noch folgende Titel mit weiterführenden Informationen:

Selbstbestimmt älter werden

Pflegefall – was tun

Pflegende Angehörige

Pflegegutachten

Weiterführende Informationen anderer Anbieter:

• Baumodelle der Altenhilfe und der Behindertenhilfe: Informations–Datenbank zu Baumodellprojekten der Altenhilfe und der Behindertenhilfe des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. http://www.baumodelle-bmfsfj.de/

• Informationen des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend zum Politikbereich „Ältere Menschen“ http://bmfsfj.de/Politikbereiche/aeltere-menschen.html

• Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen (BAGSO) e.V.: Die BAGSO vertritt als Dachverband mit derzeit 86 Mitgliedsorganisationen die Interessen der älteren Generationen. http://www.bagso.de/ Die BAGSO ist Mitgliedsverband im Verbraucherzentrale Bundesverband e.V.

• Forum gemeinschaftliches Wohnen e.V. Bundesvereinigung (FGWA) http://www.fgwa.de/kontakt.html

• Kuratorium Deutsche Altershilfe (KDA) http://www.kda.de/

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