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06.02.2012

Plastik: Zum Wegwerfen zu schade, zum Verbieten zu wichtig

Die schöne bunte Plastikwelt und ihre Nebenwirkungen.
Plastikmüll
PlastikmüllBildquelle: (c) JWS - Fotalia.com

Computer, Autos, Trinkflaschen, Cremedosen, Nylon-Strümpfe – kaum ein Produkt kommt heute ohne Plastik aus. Doch die Kunststoffe bergen Risiken für Mensch und Natur: Abfälle aus Plaste und Elaste verschandeln selbst entlegene Winkel und treiben in riesigen Strudeln in den Weltmeeren. Tiere halten winzige Plastikpartikel oft für Fressen und bringen sie in die Nahrungskette ein. Forscher warnen, dass so gefährliche Chemikalien eines Tages auf unsere Teller gelangen. Ein Ende des Plastikzeitalters ist nicht in Sicht.

Im Gegenteil, die Plastikbranche boomt: 2010 wurden weltweit 265 Millionen Tonnen Kunststoffe produziert. Das sind nach Angaben des Branchenverbands PlasticsEurope 15 Millionen Tonnen mehr noch als 2009 – und satte 263 Millionen Tonnen mehr als 1950, als der weltweite Produktionsausstoß gerade mal 1,7 Millionen Tonnen betrug. In Europa legte die Produktion im selben Zeitraum von 350.000 Tonnen auf 57 Millionen Tonnen zu.

Für die Branche ist das erfreulich. Für Flora und Fauna nicht. Zwar kann sich Deutschland einer hohen (Wieder-)Verwertungsquote von 97 Prozent rühmen. Weltweit wird diese Quote aber in kaum einem anderen Land erreicht. Und auch hierzulande wird nur jedes dritte Plastikprodukt tatsächlich wiederverwertet. Der Rest landet in Müllverbrennungsanlagen oder in der Natur, wo er bis zu 450 Jahre vor sich hin rottet.

Nur negativ zu bewerten ist Plastik deswegen nicht. Industrievertreter weisen darauf hin, dass Kunststoffe auch zum Umweltschutz beitragen – zum Beispiel beim Dämmen von Gebäuden oder im Automobilbau, wo sie Metalle ersetzen und Gewicht reduzieren. „Ohne Kunststoffe“, sagt Martin Brudermüller vom Chemieriesen BASF „wären in Europa der Energieverbrauch rund ein Viertel und die CO2-Emissionen mehr als 50 Prozent“. Auch Herzschrittmacher und andere medizinische Geräte wären ohne Plastik passé.

Plastikmüll: aus den Weltmeeren auf die Teller

An anderen Stellen verantwortet der sorglose Umgang mit den Kunststoffen allerdings schlimme Umweltschäden. Besonders dramatisch ist die Lage in den Weltmeeren. Fünf riesige Ozeanwirbel gelten unter Wissenschaftlern als „Müllsammelstellen“. In der Größten treiben schätzungsweise drei Millionen Tonnen Plastikmüll vor sich hin, auf einer Fläche von der Größe Mitteleuropas. Das Plastik stammt von Abfällen, die Menschen an den Stränden zurücklassen oder von Schiffen ins Wasser werfen. Wellen und Strömungen verteilen sie über den gesamten Globus.

Nach Studien des Umweltprogramms der Vereinten Nationen schwimmen inzwischen auf jedem Quadratkilometer Wasseroberfläche bis zu 18.000 Plastikteile. 600.000 Kubikmeter Müll sollen laut Umweltbundesamt allein auf dem Boden der Nordsee liegen, 20.000 Tonnen kommen jedes Jahr dazu. Für viele Meerestiere ist das lebensgefährlich: Sie verwechseln kleine Plastikteile mit Nahrung und da sie den Müll nicht verdauen können, fühlen sie sich ständig satt – sie verhungern mit vollen Mägen.

Kritische Wissenschaftler halten den Plastikmüll im Meer sogar für eine ernste Gefahr für die Gesundheit der Menschen. Denn durch physikalische, biologische und chemische Prozesse wird das Plastik in den Ozeanen in immer kleinere Teile zersetzt. Nehmen Fische oder andere Meerestiere sie auf, können sie in die Nahrungskette gelangen. Diese mikroskopisch kleinen Partikel „konzentrieren gefährliche Chemikalien in der marinen Umwelt“, warnt das Umweltbundesamt.

Nicht nur über Tiere können diese Stoffe in den menschlichen Organismus gelangen. Schon während des Gebrauchs können sich Stoffe wie Bisphenol A oder Weichmacher (Phthalate) aus Plastikprodukten herauslösen und in die Umwelt und den menschlichen Körper gelangen, so der Bund für Umwelt- und Naturschutz Deutschland (BUND). Der Verband bringt diese Stoffe mit Unfruchtbarkeit oder Krebs in Zusammenhang. Die Schadstoffe könnten mittlerweile im Blut nahezu jedes Menschen nachgewiesen werden.

Es muss nicht immer Plastik sein

Was also tun? Auf Plastik verzichten? Keine Kunststoffe kaufen? „Das würde nicht funktionieren“, sagt der Regisseur Werner Boote, der 2009 den Dokumentarfilm „Plastic Planet“ in die Kinos gebracht hat. Boote ist für den Film rund um den Globus gereist und hat eine Welt entdeckt, die ohne Plastik nicht mehr existieren kann, aber gleichzeitig enorm mit den Problemen und Risiken der Kunststoffe kämpft. Er sagt, wenn die Menschen künftig nicht mehr so viel Plastikramsch kauften, sei das schon großartig.

Der Filmemacher wünscht sich, dass die Menschen in Sachen Kunststoff aufmerksamer werden: „Erkundigt euch! Fragt eure Supermarktverkäufer, was dahinter steckt. Fragt, warum auf der Plastikverpackung nicht draufsteht, was da alles für Schadstoffe in mein Essen übergehen können.” Hersteller und Händler von Alltagsprodukten sind in Europa verpflichtet, über die gefährlichsten Substanzen in ihren Waren zu informieren. Würden mehr Kunden diese Informationen nachfragen, dann, so Boote, müssten die Supermarktketten reagieren und ihr Angebot umstellen.

Alternativen gibt es. Stofftaschen statt Plastiktüten, Glasflaschen statt solchen aus PET, Stoff- statt Plastikwindeln. Für viele Produkte wie Kosmetika, Waschmittel oder Duschgels gibt es außerdem Nachfüllpacks, die mit weniger Plastik auskommen. Einige besonders engagierte Menschen versuchen sogar ein Leben ganz ohne Plastik zu führen. Die österreichische Familie Krautwaschl macht das seit geraumer Zeit und zeigt auf ihrer Website, wie ihr das gelingt und was der Einzelne gegen die Plastikflut tun kann.

Plastik – ein Thema für den Unterricht

Zum Wegwerfen ist Plastik jedenfalls zu schade. Und zum Verbieten zu wichtig. Auf den richtigen Umgang mit den Kunststoffen kommt es an. Dass es korrekt entsorgt oder wiederverwertet werden kann, muss die Politik sicherstellen – indem sie entsprechende Sammel- und Recyclingstellen auf- oder ausbaut. Dass das Plastik dort auch landet, bleibt Aufgabe jedes Einzelnen. Die kommunalen Entsorger oder Abfallämter bieten bundesweit Unterstützung und Beratung zur richtigen Mülltrennung- und -vermeidung.

Auch für den schulischen Unterricht gibt es zahlreiche Materialien, die sich unter dem Stichwort „nachhaltiger Konsum“ dem Thema widmen. Besonders gut gelungene Ideen können Lehrkräfte im Materialkompass finden. Wie Abfall in Schulen vermieden werden kann, zeigen außerdem viele Umweltschutzministerien der Länder in ihren Online-Angeboten.

Zum Dokumentarfilm „Plastic Planet“ sind ebenfalls kostenlose Begleitmaterialien für den Schulunterricht erschienen. Sie eignen sich ab der 9. Klasse, bereiten die Themen des Films für den fächerverbindenden oder -übergreifenden Unterricht auf und bieten zahlreiche Anknüpfungspunkte für verschiedene Fächer: von Alternativen zum Plastik im Chemieunterricht über Fragen des Umweltschutzes im Biologie- oder Erdkundeunterricht bis hin zu ethischen Fragen zum eigenen Konsum- und Einkaufsverhalten.

Kunstlehrer, die mit ihrer Klasse einen eigenen Beitrag zur Vermeidung von Plastikmüll leisten wollen, können außerdem noch bis 29. April 2012 an einem Comic-Wettbewerb der Umweltschutzorganisation BUND teilnehmen. Der Comic soll später unter dem Titel „Nix geht über Bord“ Seeleute für den Kampf gegen die Vermüllung der Meere gewinnen. Den Menschen mit der besten Comic-Idee winken 3.000 Euro Preisgeld.

Autor: Thomas Wischniewski, freier Journalist