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04.05.2011

Traumziel Nachhaltigkeit

Öko-fair noch manchmal schwer
Papierflieger
PapierfliegerBildquelle: (c) Miredi - Fotolia.com

Das Klima schützen möchte jeder. Doch auf die Fernreise deswegen verzichten, fällt schon schwerer. Anbieter bieten inzwischen auch öko-faire Reisen an. Was verbirgt sich dahinter?

Blaues Meer, grüne Wälder, wilde Tiere, seltene Pflanzen - Natur eignet sich ganz hervorragend, um für Urlaubsziele zu werben. Doch häufig offenbart der Blick hinter die Kulissen der globalen Tourismusindustrie ein ganz anderes Bild: Da werden im Gastland Unmengen Wasser auf Golfplätze gepumpt, während ringsherum Dürre herrscht, da verschandeln Bettenburgen ganze Küstenstreifen, Besuchermassen verscheuchen Tiere, zertrampeln Pflanzen. Es geht auch anders, nachhaltig und fair. Zahlreiche Reisebüros und Touristikunternehmen bieten heute natur- und sozialverträgliche Reisen, in - genau so wie außerhalb Deutschlands. Dutzende Gütesiegel weisen Kunden den Weg zu ihnen. Trotzdem bleibt die Suche nach ökologisch und sozial fairen Reisen mühsam. Unterschiedliche Siegel bewerten unterschiedliche Kriterien, und manche Label gelten nur regional. Da muss sich jeder Tourist erst einmal hineinfuchsen. Bequemer wären Nachhaltigkeitsinfos über die Reisen direkt im Katalog. Nur das schöne Werbeumfeld wäre dann passé: Zwei Wochen Mallorcaurlaub verursachen eine Tonne Treibhausgas.

Das hat die Umweltstiftung WWF schon vor zwei Jahren berechnet. Eine einzige Person bläst demnach während eines zweiwöchigen Mallorca-Aufenthalts mehr als eine Tonne CO2 in die Luft, was das Klima laut WWF ebenso sehr schädigt wie ein Jahr Autofahren. Mit 925 Kilogramm CO2 schlagen allein An- und Abreise zu Buche, knapp 300 weitere Kilos fallen durch Unterkunft, Verpflegung und Aktivitäten vor Ort an. Weltweit kommt da einiges zusammen: Nach Angaben der Welttourismusorganisation (UNWTO) summieren sich die durch Urlaubsreisen verursachten Treibhausgasemissionen auf fünf Prozent der gesamten globalen Emissionen. 75 Prozent davon seien An- und Abreisen zuzurechnen, vor allem Flügen. Flugverbindungen zusammenstreichen bringe dem Klima aber nichts, so die UN-Organisation. Auch zuhause verbrauche der Mensch Energie. Und von den Streichungen "massiv betroffen" wären in erster Linie die Menschen in den ärmsten Ländern der Welt, da ihnen die Einnahmen aus dem Tourismus wegbrächen.

Tatsächlich eröffnet Tourismus Entwicklungschancen. Hotels, Golfplätze oder Flughäfen müssen erst gebaut und dann betrieben werden, das schafft Jobs und Einkommen, mithin Auswege aus der Armut (oder Arbeitslosigkeit, auch in Deutschland, wo rund 2,8 Millionen Menschen in der Tourismuswirtschaft arbeiten). Laut UNWTO zählen Einnahmen aus dem Tourismus in der Hälfte der 48 ärmsten Länder der Welt zu einer der drei größten Devisenquellen. Zu diesen am wenigsten entwickelten Ländern gehören zum Beispiel die Malediven, Nepal, Haiti, Tansania, Uganda. Sie sind bitterarm, oft aber reich an Naturschätzen, exotischen, artenreichen Tauchgebieten oder Nationalparks. 2010 zog es laut UN 17 Millionen Urlauber in die 48 ärmsten Länder der Welt, neun Millionen mehr als zur Jahrtausendwende. Im selben Zeitraum kletterten die Tourismuseinnahmen der Gastländer von drei Milliarden US-Dollar auf über zehn Milliarden US-Dollar.

Tourismus hilft, nur nicht immer den Richtigen

Reisekoffer (c) rimglow - Fotolia.comKritische Branchenbeobachter sagen, dass diese Einnahmen kein Garant für ein besseres Leben der Menschen in ärmeren Ländern sind. "Tourismusgelder stützen oft korrupte Eliten und Militärdiktaturen", sagt Heinz Fuchs von Tourism Watch, einer Arbeitsstelle des Evangelischen Entwicklungsdienstes EED. Fuchs verweist auf die Touristenhochburgen Tunesien und Ägypten, deren Bürger sich erst in diesem Jahr aus Diktaturen befreien konnten. Katharina Spieß von der Menschenrechtsorganisation Amnesty International in Deutschland sagt, um Platz für Hotels und andere touristische Anlagen zu schaffen, würden immer wieder Menschen vertrieben. „Ein Beispiel ist Kambodscha, wo 2009 mehr als hundert Familien ihre Häuser für ein touristisches Ressort verlassen mussten".

Auch ökologisch läuft die Erschließung neuer Tourismusgebiete nach Recherchen des WWF nicht immer korrekt ab. Rund ums Mittelmeer etwa seien gigantische Hotelanlagen und Ressorts entstanden, oft an "klar als Schutzgebiet deklarierten" Strandabschnitten. Wälder, Feuchtgebiete und Brutplätze gingen dadurch verloren. Im unter deutschen Touristen beliebten Reiseziel Thailand fließen der Umweltstiftung zufolge Abwässer häufig unbehandelt ins Meer oder versickern im Grundwasser. Das stinkt nicht nur. Durch die Überdüngung wuchern Algen, die dem Meer Sauerstoff entziehen. Korallen sterben, Keime breiten sich aus. Eine thailändische Spezialität, stellt der WWF fest, sei das nicht: "Weltweit werden heute noch Hotelanlagen errichtet, ohne entsprechende Kapazitäten zur Entsorgung von Brauchwasser und Müll bereitzuhalten."

Es geht anders, ökologisch nachhaltig, sozial fair. Das wollen auch alle: Umwelt- und Menschenrechtsschützer, die Branche und der Kunde, dem Vernehmen nach. Einiges deutet darauf hin, dass Angebot und Nachfrage tatsächlich steigen. Auf der Internationalen Tourismusbörse ITB in Berlin zum Beispiel, einer global bedeutenden Branchenschau, präsentierten sich 2011 mehr Aussteller mit nachhaltigen Reiseangeboten als je zuvor. Und drei Viertel aller Bundesbürger wollen künftig bei Hotelauswahl und Reisebuchung besonderen Wert auf umweltfreundliche Hotels legen. Das ist ihnen einer repräsentativen Umfrage des Touristikriesen TUI aus dem Dezember 2010 zufolge sogar wichtiger als die Frage des Preises. Außerdem wollen demnach acht Prozent der Befragten bei Flugreisen künftig freiwillig mehr zahlen, um die verursachten CO2-Emissionen auszugleichen. 31 Prozent wollen ihr Flugverhalten allerdings beibehalten.

"Grün2 oder "grün gewaschen"? Deutsche skeptisch

Beim Reiseverkehrsmittel kann man Nachhaltigkeit wählen (c) 3ddock - Fotolia.comViele deutsche Urlauber trauen den Nachhaltigkeitsversprechen der Branche nicht. Das Institut für Tourismuswirtschaft an der Hochschule Luzern in der Schweiz kommt in einer Studie für das World Tourism Forum 2011 zu dem Ergebnis, dass zwar potenziell jeder fünfte Tourist nachhaltige Reisen will. Die Tourismusforscher befragten 6.000 Reisende in Großbritannien, Indien, Brasilien, Russland, Deutschland und der Schweiz. Doch während 22 Prozent der nicht aus Deutschland stammenden Befragten angaben, Nachhaltigkeit sei für sie ein Top-Drei-Kriterium bei der Urlaubsbuchung, behaupteten das von den befragten Deutschen lediglich 17 Prozent. Studienleiter Roger Wehrli sagt, die Deutschen hätten sich besonders misstrauisch gegenüber Nachhaltigkeitsinformationen der Anbieter gezeigt. In einer aus den Umfrageergebnissen erstellten Touristen-Typologie ordnen die Forscher 38 Prozent der befragten Bundesbürger als "Skeptiker" ein. Einen höheren Anteil verzeichneten sie nirgendwo sonst.

Schlecht muss die Skepsis nicht sein. Misstrauische Kunden fallen wahrscheinlich nicht so schnell auf "grün2 gewaschene Angebote rein, die mehr Nachhaltigkeit versprechen, als sie bieten. Solche Angebote gibt es. Dutzende Siegel wurden gegen sie in Stellung gebracht, Label, die nachhaltige Reiseangebote oder Hotels kennzeichnen, die Spreu vom Weizen trennen und Reisenden so den Weg weisen wollen. Über 30 Umweltzeichen für besonders ökofreundliche Unterkünfte und Reisen gibt es allein in Europa. Sie heißen viabono, Grüner Schlüssel, Nature’s best oder einfach Grüner Tourismus. Die Siegelgeber legen ihrer Bewertung unterschiedliche Sozial- oder Umweltkriterien zugrunde, oft gelten sie nur regional oder national, weswegen sie nicht schlecht sein müssen. Was von ihnen im Einzelnen zu halten ist, klärt die Internetseite label-online, ein vom Bundesumweltministerium unterstütztes Internetportal der Konsumentenorganisation Verbraucherinitiative, Berlin.

"Herausragende Ausnahme in der Tourismuswirtschaft"

Im Urlaub unsere natürlichen Ressourcen schonen (c) Kabby - Fotolia.comNachhaltigkeit und Fairness im Tourismus verschrieben hat sich das forum anders reisen (far), ein Wirtschaftsverband kleiner und mittelständischer Reiseveranstalter mit Sitz in Freiburg. Das far versammelt rund 140 Veranstalter für nachhaltigen Tourismus, die sich einem sozial-ökologischen Kriterienkatalog verpflichten, dessen Einhaltung überprüft wird. Der Verband vergibt außerdem das von ihm mitentwickelte Siegel "CSR Tourism Certified". Reisebuchende sollen an dem Siegel erkennen können, dass die damit ausgezeichneten Reiseveranstalter Nachhaltigkeit gut im eigenen Unternehmen verankert haben - im täglichen Betrieb und bei den angebotenen Reisen. Johannes Reißland vom forum anders reisen sagt, um die Reisen nicht nur ökologisch, sondern auch ökonomisch fair zu machen, setzten die Mitgliedsunternehmen des Forums "auf ausgewählte kleine, inhaber- oder familiengeführte Unterkünfte, zertifizierte Hotels oder Übernachtungen in Dorfgemeinschaften". Dadurch bleibe Geld vor Ort.

Aus der Fachwelt gibt es viel Lob für das forum anders reisen. Es sei, was Nachhaltigkeit und Fairness angeht, "eine herausragende Ausnahme innerhalb der Tourismuswirtschaft". Das schreibt der Bonner Verein Ökologischer Tourismus in Europa (Ö.T.E.) in einer umfangreichen, vom Bundesumweltministerium finanzierten Studie zum nachhaltigen Tourismus in Deutschland, die 2009 veröffentlicht wurde. Darin heißt es unter anderem, dass es dank des Engagements von Nichtregierungsorganisationen in Deutschland heute gute Informationen zu nachhaltigen Reiseangeboten gäbe. In der deutschen Politik sei das Thema auch angekommen. Nur in der Tourismuswirtschaft, da müsse "insgesamt festgestellt werden, dass im Bereich Verbraucherinformation nur einige Ansätze vorhanden sind". Die Branche, meinen die Autoren, schade sich damit selbst: Bessere Infos könnte die Nachfrage nach vorhandenen Angeboten steigern, die Reiseveranstalter davon profitieren.

Klartext: Nachhaltigkeitsinfos im Reisekatalog

Fraglich ist aus Verbrauchersicht, ob noch neue (nationale) Nachhaltigkeitslabel nötig sind. Der Siegel-Dschungel ist in Deutschland recht dicht. Was fehlt, ist ein Nachhaltigkeitssiegel mit globalem Anspruch, ähnlich dem FSC-Label bei Holz oder dem MSC-Label für Fisch. Daran arbeiten seit 2008 die Umweltschutzorganisation Rainforest Alliance, das Umweltprogramm der Vereinten Nationen, die UNWTO und andere. Sie wollen globale Nachhaltigkeitskriterien für den Tourismus etablieren. Um Nachhaltigkeit und Fairness zu fördern, taugen nach Ansicht von Heinz Fuchs von Tourism Watch auch schärfere Gesetze. Dem Deutschlandfunk sagte der Tourismusexperte auf der ITB 2010, er könne sich vorstellen, "dass Reiseveranstalter verpflichtet werden, den ökologischen Fußabdruck auszuweisen". Transparente Informationen über die Ökobilanz einer Reise könne der Gesetzgeber etwa über das Verbraucherinformationsgesetz vorschreiben.

Für den Verbraucher am bequemsten wären Hinweise zur Öko- und Sozialbilanz einer Reise direkt im Reisekatalog. Ihre Aufmerksamkeit würde dann beim Stöbern und Träumen nicht nur auf die Pooltemperatur oder die Entfernung Strand - Hotel gelenkt, sondern auch auf die Klimabelastung durch den Flug oder das im Gastland voraussichtlich verbrauchte Wasser. Ob das in "Aha-Erlebnissen" mündet? Schaden würde es nicht, und vielleicht entscheidet sich der eine oder andere gegen Mallorca, für Rügen. Klima und Umwelt würde das helfen (und dem Deutschlandtourismus): Während bei zwei Wochen "Malle" über eine Tonne CO2 pro Person verursacht wird, sind es beim Ostseeurlaub nur 258 Kilogramm CO2. An- und Abreise schlagen weniger heftig zu Buche. Wer "auf Balkonien" urlaubt, tut dies laut WWF übrigens fast klimaneutral: Daheimbleiber blasen gerade mal 58 Kilogramm CO2 in die Atmosphäre.

Dieser Artikel gibt den Sachstand Mai 2011 wieder.