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Der Klassenchat – die virtuelle Verlängerung des Klassenzimmers

Zwei Jugendliche stehen nebeneinander und schreiben eine Nachricht mit ihrem Smartphone. Der Fokus des Bildes liegt auf den Händen, die jeweils das Smartphone halten.

© Dean Moriarty - pixabay - CC0 Public Domain

28.02.2020

Was online passiert, beeinflusst die Klassengemeinschaft auch offline – und umgekehrt

Gewaltverherrlichende Videos, verfassungsfeindliche Symbole, menschenverachtende Darstellungen – Klassenchats waren schon häufiger Gegenstand strafrechtlicher Ermittlungen. Was in diesen Gruppen passiert, ist eigentlich Privatsache, keine schulische Angelegenheit – zumindest nicht direkt. Doch Kinder und Jugendliche trennen nicht zwischen der Klassengemeinschaft online und offline. 

Klassenchats sind in erster Linie Gruppenchats, die Schülerinnen und Schüler einer Klasse über Nachrichtendienste wie WhatsApp oder Signal mit ihrem Smartphone erstellen, – und ein weit verbreitetes Phänomen. „Mittlerweile hat jede Klasse eine solche Gruppe“, sagt Maria Koch, Lehrerin der Städtischen Realschule Steinheim, Nordrhein-Westfalen. Sie entsprechen dem Zeitgeist, denn „heutzutage sind die Kinder und Jugendlichen daran gewöhnt, mit allen über digitale Medien in Kontakt zu sein“, erklärt Nadine Eikenbusch, Referentin der EU-Initiative klicksafe bei der Landesanstalt für Medien NRW. Als Teil des Teams der Sensibilisierungskampagne zur Förderung der Medienkompetenz beschäftigt sie sich schwerpunktmäßig mit den Themen Cybermobbing, Hate Speech, Umgang mit dem Smartphone und Medienabhängigkeit. 

Einfluss auf den Alltag

Klassenchats, da sind sich Koch und Eikenbusch einig, bieten durchaus Vorteile: Die Schülerinnen und Schüler können schnell Fragen klären und wichtige Informationen teilen. Doch beide wissen auch um die Probleme, die mit dieser Kommunikationsform verbunden sind. Die Gravierendsten schaffen es in die Medien. So berichtete die Rhein-Neckar-Zeitung kürzlich beispielsweise, dass der Staatsschutz gegen Schülerinnen und Schüler eines Mannheimer Gymnasiums wegen des Verdachts auf Volksverhetzung ermittelt. Sie sollen „Bilder und Kennzeichen mit gewaltverherrlichenden, verfassungsfeindlichen, antisemitischen, rassistischen und menschenverachtenden Inhalten in einzelnen WhatsApp-Gruppen geteilt haben“. 

Neben den rechtlichen Konsequenzen, die Inhalte von Klassenchats haben können, beeinflussen sie auch den Alltag. „Alles, was in einer Klassengruppe am Nachmittag oder auch am Abend diskutiert oder geteilt wird, ist vormittags im Unterricht absolut noch Thema“, so die Erfahrung von Lehrerin Maria Koch. Und umgekehrt: Was während des Schultages passiert, präge anschließend den Klassenchat, sagt klicksafe-Referentin Nadine Eikenbusch. „Ein Klassenchat ist eine Art virtuelle Verlängerung des Klassenzimmers, er kann viele Wechselwirkungen haben.“ Um genau darüber mit den Schülerinnen und Schülern ins Gespräch zu kommen, entschied sich die Realschule Steinheim, für die Jahrgangsstufe 6 einen Projekttag zum Thema Handynutzung zu organisieren. 

Bekannte Probleme

„Es war sehr interessant, die Schüler sind unglaublich offen mit dem Thema umgegangen“, erinnert sich Maria Koch, die den Projekttag in einer der sechsten Klassen leitete. Die Kinder teilten mit ihr und der Klasse nicht nur, welche Apps sie nutzen, sondern auch wie viel Zeit sie mit ihnen verbringen. „Flächendeckend waren sie sich sicher, dass es täglich mehr als eine Stunde ist.“ Die Offenheit der Kinder führt Koch auf das Vertrauensverhältnis zurück, das bereits zwischen ihr und ihrer Projektklasse bestand. „Ich glaube, eine Lehrkraft, die über sowas mit ihren Schülern diskutieren will, muss auf jeden Fall einen Draht zu ihnen haben, damit sie sich wohl fühlen und auch aus dem Nähkästchen plaudern.“ 

So war es für Maria Koch auch möglich, mit den Kindern über ihre bisherigen Erfahrungen zu sprechen. Die dabei von ihnen genannten Probleme decken sich mit denen, die klicksafe-Referentin Eikenbusch als typisch für Gruppenchats beschreibt:

  • Nachrichtenflut,
  • Ausschluss von einzelnen Personen und
  • Mobbing – oftmals verbunden mit der unerlaubten Weitergabe privater Daten oder Fotos. 

Die Schülerinnen und Schüler der Projektklasse von Maria Koch waren vor allem von den zahlreichen Nachrichten ohne schulischen Bezug im Klassenchat „wirklich genervt“. Und es zeigte sich: „Genau aus solchen Sachen entstehen Streitigkeiten, die schnell eskalieren und persönlich werden“, sagt Koch. Positionieren sich Kinder dann einseitig, während sich ein Großteil heraushalte, könne schnell eine Außenseiterposition entstehen, die sich wiederum im Schulalltag fortsetze. Die Gefahr des Mobbings bestehe, so Koch. Auch deshalb stellte sie dieses Problem in den Fokus des Projekttags. „Wir haben darüber gesprochen, welche Facetten des Mobbings die Schüler selbst schon in sozialen Netzwerken kennengelernt haben, wie sie sich gefühlt haben, aber auch inwiefern sie selbst schon Mobber waren.“ 

Regeln entwickeln

Ausgehend von den Erfahrungen der Kinder, überlegte die Klasse anschließend gemeinsam, welche Regeln notwendig sind, damit sich alle im Klassenchat wohl fühlen. Demokratisch wählten sie die fünf aus, die ihnen am wichtigsten waren:

  1. Keiner wird aus einer Gruppe ausgeschlossen (keiner wird „rausgeschmissen“).
  2. Es werden ausschließlich Sachen in die Klassengruppe geschrieben, die etwas mit der Klasse zu tun haben (sich über Hausaufgaben informieren o. ä.).
  3. Jedem wird geantwortet, ganz gleich, ob man die Person mag oder nicht.
  4. Wir grenzen die Zeit der Nutzung ein. Nach Möglichkeit sollte niemand mehr ab 20 Uhr in die Klassengruppe schreiben.
  5. Wir beleidigen uns nicht untereinander und lästern nicht über andere.

„Entscheidend ist, alle Schülerinnen und Schüler einzubeziehen, damit sie die Regeln als ihre Regeln anerkennen“, sagt klicksafe-Expertin Eikenbusch. Um dies zu unterstützen, empfiehlt sie zudem, die Kinder das Dokument mit den Regeln abschließend wie einen Vertrag unterschreiben zu lassen – und Konsequenzen festzulegen. „Es muss klar sein, was passiert, wenn sich jemand nicht an die Regeln hält.“ Ein zeitlich begrenzter Ausschluss aus der Gruppe könnte eine Folge sein. Doch nicht jeden Fehltritt sollten die Kinder direkt so hart sanktionieren, mahnt Eikenbusch. „Vielleicht reicht erst mal eine Ermahnung.“ Außerdem dürften die anderen Kommunikationsmöglichkeiten auf keinen Fall vergessen werden: „Die persönliche Ebene ist ganz wichtig, Streit sollte immer hier geklärt werden.“ Das gilt auch an der Realschule Steinheim – und wer dabei dann doch einmal Hilfe braucht, weiß, wohin er sich wenden kann: Beratungslehrkräfte und Schulsozialarbeiterin stehen bereit. (ach)

Im Gespräch:

Porträtbild von Lehrerin Maria Koch. Eine junge Frau mit blonden, langen Haaren lacht fröhlich in die Kamera.
Maria
Koch

Maria Koch ist Lehrerin für Grund -, Haupt und Realschulen. Derzeit unterrichtet sie an der Realschule in Steinheim die Fächer Deutsch, evangelische Religionslehre, Geschichte, Politik und Erdkunde. 

Porträtbild von Nadine Eikenbusch. Eine junge Frau mit blonden, langen Haaren lacht fröhlich in die Kamera.
Nadine
Eikenbusch

Nadine Eikenbusch ist Referentin bei der EU-Initiative klicksafe bei der Landesanstalt für Medien NRW. In ihrem Berufsalltag ist sie vor allem an der inhaltlichen Ausrichtung des Projektes beteiligt. Ihre Schwerpunktthemen sind unter anderem Cybermobbing, Hate Speech, Umgang mit dem Smartphone und Medienabhängigkeit.

Material zum Artikel

WhatsApp, meine Freunde und ich
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