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„Ein eigenes Schulfach Ernährungsbildung springt zu kurz“

18.01.2016

Fünf Fragen an … Prof’in Barbara Methfessel

Ein eigenes Schulfach Ernährungsbildung – geht es nach Christian Schmidt, dem Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft, sollte das künftig bundesweit unterrichtet werden. Prof’in Barbara Methfessel und ihre Kollegin Ines Heindl, zwei Vorreiterinnen der Ernährungs- und Verbraucherbildung, finden diese Forderung eher kontraproduktiv. Warum, erklärt Frau Methfessel im Interview. 

1. Frau Prof’in Methfessel, Sie und Ihre Kollegin Heindl kritisieren in einem offenen Brief an Bundesminister Schmidt dessen Ruf nach einem eigenem Schulfach Ernährungsbildung. Warum? 

Zunächst: Wir halten viel von einem Schulfach, in dem Ernährung als ein zentraler Bildungsbereich fachkundig und lebensnah unterrichtet wird. Aber: Erstens gibt es solche Schulfächer schon, nur nicht für die Gymnasien. Sie werden bundesweit jedoch abgebaut. Das ignoriert der Bundesminister. Die Ernährungsbildung in der Schule muss aber dringend erhalten bleiben oder wieder aufgebaut werden. In den meisten Bundesländern verlangt sie Reformen. 

2. Also fällt die Ernährungsbildung doch zu oft unter den Tisch? 

Allerdings. Und das ist ein Fehler. Denn Ernährungsbildung ist wichtig. Nur: Wo sie heute in den Bildungsplänen nicht fachlich verankert ist, wird sie – wenn überhaupt – nur in Einzelaspekten unterrichtet, und da geht es dann um vereinzelte Aspekte wie „Verdauungsorgane“. Lebensweltbezogener und handlungsorientierter Unterricht sieht unseres Erachtens aber anders aus. Hinzu kommt: Wer nur nach Ernährungsbildung ruft, formuliert eine Forderung, die sich nicht umsetzen lässt. Einfach deswegen, weil wir nicht unendlich neue Fächer einführen können. 

3. Was schlagen Sie also vor? 

Ernährungsbildung sollte mit Verbraucherbildung und Gesundheitsbildung zum verpflichtenden Fächerverbund werden, mit Überschneidungen und eigenständigen Inhalten. Dann können Schulen diese Inhalte gleichzeitig in weiteren Fächern aufgreifen, etwa in Politik oder Wirtschaft. Das wäre angemessener. Denn die Ernährungs- und Verbraucherbildung betrifft Kinder und Jugendliche doch ganz direkt in ihrem Alltag. Wer sie dafür fit machen will, muss sich im Unterricht an ihrem Leben orientieren und ihnen zeigen, wie sie tagtäglich kompetent handeln können. 

4. Gäbe es dafür überhaupt genügend qualifizierte Lehrkräfte?

In Baden-Württemberg und Schleswig-Holstein bisher ja, im Rest der Republik sieht es mau aus. Man müsste mit einem solchen Fach auch die entsprechende Ausbildung wieder auf- oder ausbauen.

5. Was sollte Bundesminister Schmidt Ihres Erachtens nach tun?

Seine Forderung bildungspolitisch anpassen – und gegen den Abbau der Ernährungsbildung öffentlich angehen. Mit dem REVIS-Curriculum zur Ernährungs- und Verbraucherbildung haben wir lange schon einen Goldstandard für diese Themen. Er sollte bundesweit Einzug in die Klassenzimmer halten. 

Im Gespräch:

Barbara Methfessel

Prof. Dr.
Barbara
Methfessel

Barbara Methfessel hat bis Ende 2013 Ernährungs- und Haushaltswissenschaft und ihre Didaktik an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg gelehrt. Für ihr langjähriges Engagement für die Ernährungs- und Verbraucherbildung wurde sie im September 2015 gemeinsam mit Ines Heindl von Bundesminister Schmidt mit der Prof. Niklas-Medaille ausgezeichnet – der höchsten Auszeichnung, die der Minister zu vergeben hat.

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