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Verbraucherbildung in der Praxis am Beispiel NRW

24.04.2013

„NRW behandelt Verbraucherbildung in der Schule stiefmütterlich“ - Bildungsexpertin Silvia Leutnant im Interview

Kaum Platz auf den Stundenplänen, zu wenig gute Unterrichtsmaterialien, ein karges Angebot an Lehrerfortbildungen: Verbraucherbildung wird von der nordrhein-westfälischen Schulpolitik zu stiefmütterlich behandelt – meint Silvia Leutnant, Bildungsexpertin an der Universität Paderborn. Die Wissenschaftlerin war früher selbst als Lehrerin tätig, bildet heute angehende Lehrkräfte aus und sagt: In NRW hat die Vorbereitung auf den Beruf an vielen Schulen inzwischen einen höheren Stellenwert als die Vorbereitung auf den Konsumalltag. Folgenlos bleibe das nicht.

Frau Leutnant, Sie beschäftigen sich am Institut für Ernährung, Konsum, Gesundheit der Universität Paderborn unter anderem mit der Verbraucherbildung im Schulunterricht. Welchen Stellenwert hat die Vermittlung von Alltagskompetenzen in NRW?

In der Summe keinen allzu hohen. Ein eigenes Fach „Verbraucherbildung“, wie es Schleswig-Holstein aufgelegt hat, haben wir nicht. Allerdings werden einzelne Aspekte der Verbraucherbildung teilweise in verschiedenen Fächern aufgegriffen. An Gesamt- oder Hauptschulen zum Beispiel in den Fächern Wirtschaft und Hauswirtschaft, in denen die Schülerinnen und Schüler etwas übers Wirtschaften im privaten Haushalt lernen, oder im Fach Deutsch, wo Medienkompetenz ein Thema ist. Die Lehrpläne bieten einige solcher Verweise zur Verbraucherbildung. Mehr als einen Flickenteppich bilden sie jedoch nicht.

Könnte ein Schulfach Verbraucherbildung aus diesen Flicken ein Ganzes knüpfen?

Da bin ich skeptisch. Ein eigenständiges Schulfach durchzusetzen wäre schon angesichts der vollen Stundentafeln enorm schwierig. Sinnvoller fände ich klarere Curricula. Curricula, die der Verbraucherbildung einen festen Platz in den geeigneten Fächern einräumen – und die fächerübergreifende Vermittlung von Konsumkompetenzen erleichtern. Da passiert leider viel zu wenig, obwohl sich die Verbraucherbildung für fächerübergreifenden Unterricht geradezu andient.

Was läuft falsch?

Wenn wir uns beispielsweise im Politikunterricht in der 5. Klasse mit der Vermittlung von Finanzkompetenzen befassen – mit Wünschen, Bedürfnissen, Geld – , ist das eine gute Sache. Noch besser, für die Schüler noch verständlicher würde das Thema, fänden sie es parallel auch in anderen Fächern wieder, um dort weitere Aspekte bearbeiten zu können. Solche Anknüpfungspunkte fehlen in den Lehrplanvorgaben für NRW fast durchweg.

Früher war das bestimmt noch schlimmer… 

Das ist ein Irrglaube. Der Trend geht in NRW eher weg von der Vermittlung von Alltagskompetenzen, hin zu mehr Berufsorientierung. Exemplarisch zeigt sich das an der Reform des Fachs Hauswirtschaft an Hauptschulen: Der alte Kernlehrplan für dieses Fach hatte noch Themen wie Mietverträge, Versicherungen oder den ganzen Bereich Wohnen im Fokus. Im vergangenen Jahr wurden diese Themen im Zuge der Reform gestrichen – zugunsten einer stärkeren Berufsorientierung des Fachs.

Was bedeutet das?

Das bedeutet, dass die Vermittlung von Konsumkompetenzen in NRW Gewicht verloren hat – und die Verbraucherbildung heute noch stärker als in der Vergangenheit dem Engagement der Lehrkräfte anheim gestellt bleibt. Ihr Engagement, ihre Nähe zum Thema bestimmt nicht unerheblich mit, ob ein Schulabgänger über Alltags- und Konsumkompetenzen verfügt oder nicht.

Das klingt etwas willkürlich...

Etwas vom Engagement der Lehrkraft abhängig zu machen, setzt Schüler tatsächlich einer gewissen Willkür aus. Doch die derzeitigen Vorgaben der Curricula reichen schlicht nicht, um alle notwendigen Kompetenzen zur Bewältigung komplexer Alltagssituationen zu vermitteln. Zugleich machen die fehlenden Vorgaben auch den Lehrern das Leben schwer. Wollen sie bestimmte Themen der Verbraucherbildung stärker aufgreifen, müssen sie ja nicht nur ihren Unterricht so konzipieren, dass sie dem Kernlehrplan nicht in die Quere kommen – was angesichts der Dichte der Kernlehrpläne schon schwer genug ist. Wenn sie ein Konsumthema auch fächerübergreifend bearbeiten möchten, müssen sie sich zusätzlich auch noch mit Fachkollegen abstimmen. Beides ist sehr aufwändig.

Wie könnte man das ändern?

Neben der curricularen Verankerung ist die Stärkung der Fächer wichtig, die sich schon lange mit Alltags- und Konsumkompetenzen befassen, wie beispielsweise Hauswirtschaft. Außerdem müsste das Fortbildungsangebot für Lehrkräfte angepasst werden. Davon ist man in NRW indes noch weit entfernt. In der Region Ostwestfalen-Lippe, in der ich arbeite, gibt es im Jahr ein, maximal zwei Lehrerfortbildungen, die sich der Vermittlung von Alltagskompetenzen widmen.

Gibt es wenigstens genügend Lehrmaterialien zur Verbraucherbildung?

Es drängen zumindest immer mehr Materialien auf den Markt. Richtig gut sind nur wenige. Dass der vzbv es Lehrern mit seinem Online-Materialkompass erleichtert, gute, geprüfte Materialien zu finden, ist eine große Hilfe. Wichtiger ist aber, dass Lehrerinnen und Lehrer in Zukunft selbst erkennen, welches Material gut ist. Und das schaffen sie nur, wenn sie in Verbraucherfragen gut aus- oder fortgebildet wurden. Ohne mehr Lehrerfortbildungen und klarere curriculare Vorgaben werden wir den Flickenteppich in NRW nicht zu einem Ganzen knüpfen können.

Im Gespräch:

Silvia Leutnant

Silvia
Leutnant

Silvia Leutnant ist wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Lehrerausbildung am Institut für Ernährung, Konsum und Gesundheit der Universität Paderborn. Zuvor war sie als Lehrerin in den Fächern Deutsch, Hauswirtschaft und dem Neigungsfach Gesellschaftslehre an Real- und Gesamtschulen in NRW tätig und gehört zum Expertenteam des Materialkompass Verbraucherbildung.

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