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YouTube im Unterricht?

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© irfanahmad - pixabay - CC0 Public Domain

12.09.2019

Tipps für den didaktischen Einsatz von Lernvideos

Die Videoplattform YouTube ist unter Jugendlichen das beliebteste Internetangebot. Sie nutzen sie aber längst nicht mehr nur zur Unterhaltung, sondern auch zum Lernen, wie eine aktuelle Umfrage des Rats für Kulturelle Bildung zeigt. Prompt fordert dieser, dass Lehrkräfte YouTube stärker in den Unterricht einbeziehen sollten. Politik und Bildungsverbände mahnen allerdings, die Qualität der Videos zu prüfen. 

Wie nutzen Zwölf- bis 19-Jährige YouTube? Diese Frage bildete den Grundstein der jüngst erschienene Befragung „Jugend/YouTube/Kulturelle Bildung“ im Auftrag des Rats für Kulturelle Bildung, einem bildungspolitischen Think Tank, der von sieben deutschen Stiftungen finanziert wird, darunter die Deutsche Bank-, die Bertelsmann- und Mercator-Stiftung. Bei den Antworten überraschten besonders die Schülerinnen und Schüler: Von den insgesamt 520 befragten YouTube-Nutzern dieser Gruppe gab fast die Hälfte an, dass YouTube-Videos für sie sehr wichtig (10 Prozent) beziehungsweise wichtig (37 Prozent) für die Schule seien. Sie nutzen die Angebote etwa, um Unterrichtsinhalte zu wiederholen, die sie nicht verstanden haben (73 Prozent), oder um Hausaufgaben zu erledigen (70 Prozent). Vor dem Hintergrund dieser Ergebnisse forderte der Vorsitzende des Rats für Kulturelle Bildung, Pädagogik-Professor Eckart Liebau, „dass man dieses Medium nicht ignorieren darf“. YouTube sei inzwischen „ein weiteres, wichtiges Lern- und Bildungsmedium“. 

 

Vorteile für den Unterricht

Das sehen auch viele Lehrerinnen und Lehrer so. Deswegen werden Lernvideos, anders als es die Formulierung von Professor Liebau vermuten lässt, bereits an einigen Schulen im Unterrichtsalltag eingesetzt - wobei es nicht immer Videos von YouTube oder anderen kommerziellen Plattformen sein müssen. Sebastian Schmidt, Mathelehrer an der Inge-Aicher-Scholl-Realschule Neu-Ulm/Pfuhl in Bayern, setzt beispielsweise schon seit 2013 auf Impuls- und Erklärvideos, die er selbst erstellt. Mit einem Impulsvideo lässt er seine Schülerinnen und Schüler – im Sinne des Flipped Classrooms, also des vorbereiteten Unterrichts – zunächst den neuen Inhalt für die nächste Unterrichtsstunde selbstständig entdecken. Das Erklärvideo wiederum präsentiert im Anschluss an den Unterricht die dort erarbeitete Musterlösung der im Impulsvideo gegebenen Aufgabe. „Die dazwischenliegenden schweren Phasen, die Lösungsfindung und den Transfer, verlagere ich so in den Unterricht“, sagt Schmidt. 

Er hat die Erfahrung gemacht, dass die Schüler die Lernvideos „sehr stark annehmen und sie ihnen Sicherheit geben. Sie wissen, dass es immer ein Erklärvideo gibt, mit dem sie notfalls die Unterrichtsinhalte wiederholen können.“ Wichtig ist dem Realschullehrer allerdings zu betonen, dass die Lernvideos für sich genommen nicht automatisch zum angestrebten Lerneffekt führen. Christian Spannagel, Professor für Mathematik- und Informatikdidaktik an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg, formuliert das so: „Die Kinder kennen Videos zwar schon aus ihrem Privatleben, aber zu wissen, wie man Informationen aus ihnen herausfiltert, ist eine ganz andere Geschichte.“ Deshalb bräuchten Schülerinnen und Schüler zunächst Strategien, wie sie mit Videos lernen können. Dazu gehörten so simple Techniken wie ein Video pausieren zu lassen, sich währenddessen Notizen zu machen, zurückzuspulen, es mehrfach anzusehen. „Schüler können nicht automatisch sinnvoll mit Videos arbeiten“, mahnt Spannagel.

 

Inhalte prüfen

Auf eine weitere Herausforderung wies der Bundesvorsitzende des Lehrkräfteverbands VBE, Udo Beckmann, hin. Nach der Veröffentlichung der Umfrageergebnisse zur YouTube-Nutzung von Jugendlichen riet er zu einer gewissen Skepsis. Bezogen auf Inhalte, die Lehrkräfte nicht selbst erstellt haben, sagte er: „In Zeiten von Fake News und Verschwörungstheorien ist durchaus zu hinterfragen, ob alle dargestellten Informationen richtig sind.“ Ähnlich hatten sich in diesem Zusammenhang Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbands, und Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) geäußert.

„Wenn man Fremdvideos einsetzt, kann es sehr aufwendig sein, ein geeignetes Video zu finden, aber die Zeit muss man sich nehmen“, sagt dazu Professor Spannagel. „Auf keinen Fall sollten Lehrer Links von Videos an Schüler verteilen, die sie sich nicht vollständig angesehen haben.“ Dem stimmt auch Realschullehrer Schmidt zu, denn: „Für Schülerinnen und Schüler ist es sehr schwer zu erkennen, ob ein Lernvideo korrekte Inhalte vermittelt.“ Beide Experten sehen es daher als weitere Aufgabe der Schule an, Kindern und Jugendlichen beizubringen, kritisch mit Informationen aus Videos umzugehen.

Im Falle von YouTube, so Schmidt, gäben die Kommentare unterhalb eines Videos sowie die bisherige Bewertung einen ersten Hinweis, wie gut die Inhalte seien. Daneben sollten Schülerinnen und Schüler lernen, Inhalte zu verifizieren beziehungsweise zu falsifizieren. „Dazu können sie sich etwa mehrere Videos zu einem Thema anschauen und prüfen, ob dieselben Informationen enthalten sind und wer das Video erstellt hat.“ 

 

Auf Werbung vorbereiten

Schmidt und Spannagel geben zudem zu bedenken, dass ein Link, der Kinder zu einem Video auf YouTube führt, sie sowohl mit Werbung als auch mit anderen Videos konfrontiert, die zu weiterem Medienkonsum verleiten. Auch dies sollten Lehrkräfte deshalb im Vorfeld mit ihren Schülerinnen und Schülern sowie deren Erziehungsberechtigten besprechen. „Ich würde die Eltern möglichst frühzeitig mit ins Boot holen“, rät Professor Spannagel, „ihnen erklären, warum ich die Kinder bitte, online zu gehen, wie ich sie dabei begleite und wie ich mit den Videos arbeiten möchte.“ 

Letztlich empfehlen jedoch beide Experten den Lehrkräften, eigene Lernvideos zu erstellen (Tipps dazu in den weiterführenden Links). „Das erste Video dauert unendlich lange“, räumt Spannagel ein, ergänzt aber direkt: „Davon darf man sich nicht entmutigen lassen. Man entwickelt unglaublich schnell eine Routine.“ Dadurch sei es im Endeffekt deutlich schneller, eigene Videos zu produzieren, als zu unterschiedlichen Themen passendes Fremdmaterial im Internet zu finden. Bei selbst erstellten Videos hätten Lehrkräfte darüber hinaus mehr Möglichkeiten, sie ihren Schülern werbefrei zur Verfügung zu stellen: etwa über die schuleigene Lernplattform, externe Speichermedien oder über Videoplattformen wie Vimeo, die sich mit einem Passwort schützen lassen. (ach)

Im Gespräch:

Sebastian Schmidt
Sebastian
Schmidt

Sebastian Schmidt ist Lehrer an der Inge-Aicher-Scholl-Realschule Neu-Ulm/Pfuhl in Bayern für die Fächer Mathematik, katholische Religionslehre und Informationstechnologie. Seit Anfang 2013 erstellt er Erklärvideos (siehe YouTube-Kanal) passend zu seinem Mathematikunterricht und setzt diese nach dem Flipped-Classroom-Konzept ein. Damit gilt er als einer der ersten im deutschsprachigen Raum, der nach dieser Methode unterrichtet hat.

Christian Spannagel
Christian
Spannagel

Christian Spannagel ist Professor für Mathematik- und Informatikdidaktik an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg. Er setzt seit Jahren die Methode Flipped Classroom in seinen Lehrveranstaltungen ein und verwendet hierfür seinen eigenen YouTube-Kanal. Er war darüber hinaus im Projekt „Flip your Class!“ beteiligt, in dem die Methode Flipped Classroom im Schulbereich eingesetzt und beforscht wurde.

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klicksafe.de / Landeszentrale für Medien und Kommunikation (LMK) Rheinland-Pfalz
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