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€FDL-Finanztraining

Das Online-Finanztraining ist eine kostenpflichtige internetbasierte Lernplattform zur Steigerung der finanziellen Allgemeinbildung, die die Teilnehmenden dazu qualifizieren soll, optimale wirtschaftliche Entscheidungen zu treffen. In der Eigendarstellung heißt es dazu: "die Initiative verfolgt das Ziel, wichtiges Finanzwissen zu Anlage-, Finanzierungs- und Versicherungsthemen sowohl an Jugendliche als auch an Erwachsene zu vermitteln. Damit sollen "Gespräche auf Augenhöhe" mit Banken, Versicherungen und Beratern ermöglicht werden".
Das €FDL-Finanztraining Online ist ein Element dieser finanziellen Bildungsinitiative, die von der "finanzportal.at internet services gmbh" entwickelt, angeboten und vermarktet wird. Ursprünglich für den österreichischen Markt konzipiert, wird es jetzt auch in Deutschland von der "financial education services GmbH" in Kooperation mit dem "Handelsblatt" vermarktet. Das gesamte Paket besteht aus einem Online Multiple Choice Test (Finanztest), dem hier bewerteten internetbasierten Finanztraining, Finanztrainingsseminaren, sowie einem selbstentwickelten und zertifizierten Finanzführerschein. Außer dem Finanztest sind alle Angebote kostenpflichtig. Sie richten sich laut Selbstbeschreibung an "Schüler an Schulen, Studierende an Fachhochschulen, Konsumenten an Bildungseinrichtungen, Arbeitssuchende in Kursen des AMS Arbeitsmarktservice, Mitarbeiter in Unternehmen".
Die internetbasierte Lernplattform hat zu 30 Themen aus den Bereichen Anlegen, Sparen, Finanzieren Lerneinheiten entwickelt. Jede Lerneinheit ist gleich aufgebaut: Sie besteht aus:
1. einem Videovortrag einer Frau, die als Expertin bzw. Lehrerin fungiert und Sachinformationen vermittelt,
2. aus einer interaktivem Grafik, in der die Lernenden das vermittelte Wissen anwenden sowie
3. aus einem Multiple Choice Wissenstest, um den Lernerfolg zu überprüfen.
"Wie werden Wertpapiere bei regelmäßigem Erwerb am besten beschafft?", "Wie wirkt sich die Verlängerung der Kreditlaufzeit auf die Kreditrate aus?" und "Wie berechnen sich Invaliditätsgrade nach der sogenannten Gliedertaxe?", stehen exemplarisch für die Titel der 30 Lerneinheiten. Insgesamt ist das Finanztraining auf die Vermittlung von Sachwissen fokussiert und greift dabei zum Teil sehr spezielle Fragen heraus.

Mit Hilfe des online zu bearbeitenden Materials €FDL-Finanztraining sollen SchülerInnen grundlegendes Finanzwissen als Voraussetzung für ein geordnetes persönliches Finanzleben vermittelt bekommen. In 36 Modulen, die sich je aus einem kurzen Videobeitrag, einer interaktiven Grafik und Multiple-Choice-Fragen zur Anwendung des Wissens zusammensetzen, sollen die SchülerInnen einerseits frei von Finanzsorgen sein und andererseits Gespräche mit Anlage- und Versicherungsberatern auf Augenhöhe führen können. Diesen Anspruch, den das Material an sich selbst stellt, kann es kaum bis gar nicht erfüllen. Die Inhalte der einzelnen Module sind abstrakt, es fehlen lebensnahe Beispiele, die an Situationen orientiert sind, in denen sich jugendliche Sparer/Anleger tatsächlich befinden. Die Anwendungsaufgaben in Form von Multiple-Choice-Frage beschränken sich zudem auf ja/nein-Antworten. Gänzlich fehlen analysierende und kritisch-reflexive Perspektiven auf das Finanz- und Versicherungssystem sowohl aus Sicht des einzelnen Konsumenten als auch aus Sicht der Gesamtgesellschaft und ihrer Teilsysteme. Zur Förderung von Reflexions- und Urteilskompetenz ist das Material daher wenig geeignet. Die didaktisch-methodische Aufbereitung ist übersichtlich, allerdings bauen die Module in der vorher festgelegten Reihenfolge nicht aufeinander auf. Insgesamt variiert die Methodik nicht (immer gleiche Struktur, s.o.), ein Wechsel von Sozialformen ist nicht vorgesehen.

Indikatoren
Einzelbewertung
Balken
Fachlicher Inhalt:
Mangelhaft
Methodik-Didaktik:
Mangelhaft
Formale Gestaltung:
Gut
Gesamtbewertung:
Mangelhaft
Ausführliche Bewertung
Das Material "€FDL-Finanztraining" ist ein kompaktes Unterrichtsmaterial, das frühestens für den Einsatz in der Sekundarstufe II sowie für den berufs- und erwachsenenbildenden Bereich geeignet ist. Es erhebt selbst den Anspruch, grundlegendes Finanzwissen mit Hilfe eines außergewöhnlichen didaktischen Konzepts besonders verständlich zu vermitteln. Außergewöhnlich ist das Material insofern, dass es sich um 36 Modulbausteine handelt, die sich je aus einem kurzen Video zur Begriffsklärung sowie dazugehörigen interaktiven Grafiken und Multiple-Choice-Fragen, die der Anwendung des im Video vermittelten Begriffswissens dienen, handelt. Bei den Inhalten der Module selbst handelt es sich aber weder um grundlegendes Finanzwissen (welches tatsächlich in lebensnahen Situationen zum Einsatz kommt) noch wird dieses besonders verständlich vermittelt. Statt dessen dominieren abstrakte Fachbegriffe (etwa Sharpe-Ratio, Cost-Averaging) oder abstrakte Inhalte (wie Zinsberechnungen oder die Frage nach dem Invaliditätsgrad in Abhängigkeit fehlender Gliedmaßen). Angesprochen, insbesondere von der Frage nach den richtigen Anlageformen oder Versicherungskonditionen, fühlen sich Jugendliche auch aus sozioökonomisch besser aufgestellten Haushalten kaum. Dies gilt insbesondere, da die in den interaktiven Grafiken verwendeten Zahlenbeispiele für sie abstrakte bzw. unrealistische Höhen einnehmen. Welcher Jugendliche kann sich heute schon vorstellen, einen Kredit über 100.000€ aufzunehmen? Welche Geldanlage bietet Zinsen in Höhe von 8%. Die Rechenbeispiele eignen sich daher eher für den Mathematikunterricht und hier zu vermittelndes Basiswissen wie Zins- oder Zinseszinsrechnungen. Die formale Gestaltung mit hohem Wiedererkennungswert sind auf den ersten Blick ansprechend. Den SchülerInnen werden die Lernziele/Kompetenzerwartungen offengelegt. Die immer wiederkehrende Struktur der einzelnen Module ermöglicht es, sich schnell innerhalb dieser zu orientieren. Die Multiple-Choice-Fragen sind in der Regel auf die Videos und interaktiven Module abgestimmt (Ausnahme z.B. im Modul Versicherungsgemeinschaft). Sie müssen mit ja bzw. nein beantwortet werden. Positiv hervorzuheben ist, dass die Schüler sofort nach Bearbeitung aller Fragen des jeweiligen Moduls Rückmeldung über den Status (richtig/falsch) der Antworten erhalten. Dieses Potenzial wird aber nicht völlig ausgeschöpft. Sollten Fragen falsch beantwortet werden, erhält der Lernende die Möglichkeit, alle Fragen noch einmal zu beantworten. Hierfür werden die selben Fragen aber lediglich in ihrer Reihenfolge umsortiert. Ob auf diesem Weg grundlegendes Finanzwissen vermittelt werden kann, ist fraglich. Methodisch folgen die Module daher immer dem gleichen Ablauf. Die im Materialbaustein enthaltenen Methoden sind auf Einzelarbeit ausgelegt, kooperative Lernformen sind, auch in den Aufgabenstellungen, nicht vorgesehen. Möglichkeiten einer Kooperation ergeben sich jedoch, wenn einzelne Inhalte aus den Modulen aufgegriffen und in eigene Unterrichtsreihen integriert werden, etwa Videobeispiele oder einzelne der interaktiven Grafiken. Da aber Lizenzen immer für das gesamte Online-Seminar erworben werden müssen, stehen Kosten und Nutzen dann in keiner Relation. Das Material bietet hingegen Ansätze für freie Arbeitsformen, da SchülerInnen es selbstständig in ihrem je eigenen Lerntempo bearbeiten können. Auch besteht die Möglichkeit einer individuellen Auswahl und Anordnung der zu bearbeitenden Module. Hier muss jedoch angemerkt werden, dass die voreingestellte Auswahl keine Möglichkeiten der Lernprogression bietet. So wird etwa der Begriff der Volatilität im Modul "Wertpapierauswahl" verwendet, eine inhaltliche Darstellung der Bedeutung von Volatilität erfolgt aber erst in einem späteren Modul. Auch werden einzelne Versicherungsarten behandelt, ehe in die generelle Funktion von Versicherungen eingeführt wird. Insbesondere ist zu kritisieren, dass das Material nur deklaratives Wissen mit lebensfernen Anwendungsbeispielen vermittelt. Vor allem fehlen kritische Reflexionsaufgaben, die die Analyse- und Urteilsfähigkeit der Lernenden im Hinblick auf ihre eigene Rolle als Konsument und deren gesellschaftliche, politische und ökonomische Verflechtung stärken. So fehlt eine nähere Analyse der Gründe für private Altersvorsorge. Geldanlage und Versicherungsabschluss werden als uneingeschränkt empfehlenswert dargestellt. Versicherungsberater und -vermittler werden als uneigennützig dargestellt, statt zu hinterfragen, welche eigenen Interessen diese leiten. Auch die Videos stützen die Darstellung des Finanzsystems aus Sicht der Finanzdienstleister. Sie vermitteln auf den ersten Blick einen Eindruck von Seriosität, der aber bei näherem Hinsehen durch z.B. den erhobenen Zeigefinger, der auf die Gefahren nicht abgeschlossener Versicherungen (zum Beispiel einer privaten Krankenzusatzversicherung), nicht aufrecht zu erhalten ist. Insgesamt ist daher zu hinterfragen, ob der €FDL - Finanzführerschein tatsächlich grundlegendes Finanzwissen vermitteln möchte, so "dass man mit Banken und Versicherungen Gespräche auf Augenhöhe führen und sich kein X für ein U vormachen lassen möchte" oder ob es, da kostenpflichtig, nicht auch eine lukrative Einnahmequelle auf dem wachsenden Sektor der Finanzbildung ist.
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