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My Finance Coach - Mach dich finanzfit!

Mit dem Ziel, Kinder und Jugendliche im Alter zwischen 11 und 15 Jahren für das Thema "Finanzen" zu begeistern und ihre Kompetenzen im Umgang mit Geld zu stärken, gründeten die Unternehmen Allianz, Grey und McKinsey im Herbst 2010 die My Finance Coach Stiftung. Diese stellt an den Lehrplänen ausgerichtete Unterrichtsmaterialien zur Verfügung, die insbesondere ihre Entscheidungsfähigkeit bezüglich der Einkommensverwendung stärken sollen. Die Unterrichtsmaterialien sind in sechs Ordnern gebündelt.

Das hier bewertete fünfte Training beleuchtet den Umgang mit (finanziellen) Risiken, indem Antworten auf nachfolgende Fragen gegeben werden: Welche finanziellen Risiken gibt es und wie lassen sie sich identifizieren? Gibt es Strategien der Risikobewältigung und - wenn ja - welche? Wie lassen sich Eintrittswahrscheinlichkeiten von Risiken bestimmen? Inwieweit verändert sich die Wahrnehmung von Risiken angesichts veränderter Lebensumstände?

Wie die ersten vier Übungseinheiten gliedern sich auch diese Materialien in Basis-, Vertiefungs- und Erweiterungsmodule. Während die Basisversion auch in diesem fünften Band auf 90 Minuten angelegt ist, um grundlegende Fähigkeiten und Fertigkeiten in den skizzierten Themenfeldern zu vermitteln, sind der Vertiefungs- und der Erweiterungsbaustein für je 45 Minuten konzipiert. Das bereits mit der Einführung der Materialien verbundene Angebot, dass Mitarbeiter/innen der beteiligten Unternehmen als Finance Coaches in den Unterricht kommen, um "vor Ort mit Rat und Tat zur Seite stehen", gilt unverändert. Darüber hinaus finden Lehrerfortbildungen in Kooperation mit verschiedenen Bildungsträgern wie z. B. mit der Akademie für Lehrerfortbildung und Personalführung Dillingen statt.

Der mit umfangreichen Materialien bestückte Ordner bereitet unter der Überschrift „Umgang mit Risiken" ein grundständiges Thema finanzieller Allgemeinbildung auf, ist logisch strukturiert und lässt sich nahezu voraussetzungslos in den Unterrichtsablauf integrieren. Dem Anliegen, das individuelle Bewusstsein für finanzielle Risiken zu fördern, wird mit den Materialien, die sich wie die vorangegangenen Ordner in Basis-, Vertiefungs- und Erweiterungsmodule gliedern, konsequent Rechnung getragen – mitunter jedoch auf unzulässig einseitige Weise.

Auch dieses fünfte Training lässt wie die Vorgängertrainings erkennen, welche Absichten die Stiftung verfolgt, die sich als „sozial ausgerichtete Initiative“ der Unternehmen Allianz, Grey, Haniel, KPMG und McKinsey versteht: Kinder und Jugendliche sollen vor dem Hintergrund unterschiedlicher "Lebensrisiken" ein Bewusstsein für die Notwendigkeit (langfristiger) finanzieller Planung entwickeln, damit sie – mit Blick auf ihre künftige Lebensgestaltung – Geldanlage- und Kaufentscheidungen möglichst kompetent treffen können.

Indikatoren
Einzelbewertung
Balken
Fachlicher Inhalt:
Ausreichend
Methodik-Didaktik:
Befriedigend
Formale Gestaltung:
Ausreichend
Gesamtbewertung:
Ausreichend
Ausführliche Bewertung
Dem Anliegen, das individuelle Bewusstsein für finanzielle Risiken zu fördern, wird mit den Materialien, die sich wie die vorangegangenen Ordner in Basis-, Vertiefungs- und Erweiterungsmodule gliedern, konsequent Rechnung getragen – mitunter jedoch auf unzulässig einseitige Weise. Positiv zu bewerten ist, dass das zunächst abstrakt anmutende Thema "Umgang mit Risiken" unter Berücksichtigung der jugendlichen Lebenswelt für Schüler/innen ansprechend aufbereitet wird. Die fachdidaktische Aufbereitung der Inhalte entspricht trotz stellenweiser Missachtung des Kontroversitätsgebots und gezielter Aussparungen dem "state of the art", was bei weitem nicht von allen Unterrichtsmaterialien behauptet werden kann. Dessen ungeachtet muss das Gesamtkonzept aufgrund der unzulässigen fachlichen Verengung an vielen Stellen als tendenziös und damit als nur bedingt unterrichtstauglich eingestuft werden. Zwar finden die wesentlichen Aspekte der Risikoidentifikation, der Risikovermeidung, der Risikobewältigung sowie der Risikoababsicherung Berücksichtigung; jedoch weisen die Lösungsansätze häufig ausschließlich eine individuelle Perspektive auf. Das Solidarprinzip als tragendes Fundament unseres Sozialversicherungssystems (und damit der Minimierung individueller Risiken) wird äußerst lückenhaft dargestellt. Der Verzicht auf eine Darstellung des historischen Ursprungs und die politische Bedeutsamkeit des Solidargedankens mag verzeihlich sein, die einseitig negative Darstellung in Abgrenzung zum ausschließlich positiv besetzten Äquivalenzprinzip ist es nicht: "Wir haben gelernt, dass das Solidaritätsprinzip nicht mehr funktioniert, wenn sich bestimmte Voraussetzungen ändern", heißt es im Gesprächsleitfaden. Dass diese sich zu Lasten der sozialen Sicherungssysteme geändert haben, steht für die Autor(inn)en des Bausteins fest. So soll der Verweis auf die Überalterung der Gesellschaft und auf die "Volkskrankheit" Übergewicht erkennen lassen, dass das Solidaritätsprinzip zum Scheitern verurteilt ist. Von daher verwundert es nicht, dass – wie es als zentrales Lernziel formuliert ist – die Schüler/innen den "Nutzen von privater Absicherung nachvollziehen" können sollen. Dabei lässt sich gerade im Schatten der Verwerfungen an den internationalen Kapitalmärkten weder fachwissenschaftlich noch fachdidaktisch rechtfertigen, dass das Augenmerk nicht auch auf die Schwächen des Äquivalenzprinzips gerichtet wird. Fragen der Art "Warum schreibt der Staat vor, dass wir uns gegen diese drei Risiken (gemeint sind Krankheit, Arbeitslosigkeit, fehlendes Geld im Alter) versichern?" insinuieren, dass der überbordende Staat als Last zu empfinden ist. Es fällt nicht schwer, den nach wie vor weitgehend auf die Umlagefinanzierung setzenden Staat vor dem Hintergrund des kollabierenden Kapitaldeckungsverfahrens (insbesondere in der privaten Altersvorsorge) als Garant für Stabilität anzusehen. Zwar wird die Lebenswelt der Kinder und Jugendlichen als Dreh- und Angelpunkt verstanden und mit vielfältigen Materialien (inklusive Präsentationen für Lehrkräfte) auf didaktisch vorbildliche Weise zugänglich gemacht, aber nahezu durchweg werden die ökonomisch geprägten Lebenssituationen verkürzt dargestellt. Infolgedessen erlangen die Schüler/innen nur in ausgewählten Teilbereichen Kompetenzen, so dass insbesondere die rationale Entscheidungsfindung sowie die kritische Urteilsbildung nur bedingt angeregt werden. Positiv zu erwähnen ist der Hinweis auf das "Neutralitätsgebot" der Finance Coaches, das es ihnen verbietet, "zu einzelnen Produktkategorien oder Produkten dezidiert Stellung zu nehmen". Auch müssen die Finance Coaches eine "Wohlverhaltenserklärung" unterschreiben, die ihnen Vertriebstätigkeiten während des Klassenbesuches untersagt. Ob die Neutralität in der Praxis gewahrt wird, kann hier nicht beurteilt werden, darf aber vor dem Hintergrund von Erfahrungen mit externen Referent(inn)en an Schulen – zumal aus der Finanzwirtschaft – zumindest bezweifelt werden. Aus diesem Grund muss die Tatsache,  dass die Mitarbeiter/innen der beteiligten Unternehmen gemeinsam mit den Schüler(inne)n die in den Materialordnern dargestellten Themen behandeln, unverändert als schwerwiegender Einwand formuliert werden. Dies gilt umso mehr, als im Zeitraum von Oktober 2010 bis zum Jahresende 2011 mehr als 30.000 Schüler/innen der Sekundarstufe I von mehr als 1.000 Vertreter(inne)n der beteiligten Unternehmen als Finance Coaches beschult wurden. Die Auszeichnung der Initiative durch die deutsche Unesco-Kommission als offizielles Projekt der UN-Dekade "Bildung für nachhaltige Entwicklung" dürfte den Unterrichtsmaterialien eine breite Akzeptanz in der Öffentlichkeit sichern, weshalb die Grundsatzfrage, ob - und wenn ja, inwieweit - private Content-Anbieter Zugang zu Schulen erhalten sollen, intensiv diskutiert werden sollte. Mit dem Allgemeinbildungsauftrag der Schulen legitimieren lässt sich diese Unterrichtsgestaltung auf der Grundlage „hauseigener“ Materialien durch externe Lehrkräfte nicht – mögen die Begegnungen mit außerhalb des Schuldienstes Tätigen für die Schüler/innen auch noch so interessant sein.
Herausgeber
Erscheinungsjahr
2011
Autor/in
Charlotte Höhn, Eric Meyer, Matthias Jansen, Karin Paprotta
Reihe
Preis
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