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„Mehr Tierschutz scheitert an der Industrie, nicht am Verbraucher“

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08.08.2016

Fünf Fragen an … Reinhild Benning von Germanwatch

Glückliche Tiere finden wohl alle gut. Dennoch kaufen viele Deutsche Fleisch von eingepferchten Schweinen ebenso wie Milch von Kühen, die nie das Tageslicht sehen. Reinhild Benning von der Nichtregierungsorganisation Germanwatch sagt, das muss nicht so sein. Im Interview erklärt sie, was für mehr Tierschutz getan und worüber in der Schule geredet werden müsste. 

1. Frau Benning, Tierschutz und erschwingliches Fleisch – passt das überhaupt zusammen?

Das passt sogar sehr gut zusammen. Tierschutz und nachhaltige Tierhaltung sind letztlich preiswerter. Denn billiges Fleisch verursacht heute sehr hohe Kosten für Umwelt und Gesellschaft. So trägt die Massentierhaltung zum Beispiel zu hohen Nitratgehhalten im Trinkwasser und steigenden Antibiotikaresistenzen bei. Dadurch entstehen Folgekosten, die die Steuerzahler schultern müssen. Billiges Fleisch aus der Massentierhaltung kommt uns so unterm Strich teuer zu stehen. 

2. Hat der Handel das nicht erkannt? Zusammen mit der Bundesregierung will er sich doch für mehr Tierwohl einsetzen…

Tierwohl ist nicht gleich Tierschutz. Tierschutz ist im Grundgesetz verankert und will, dass Tiere ihr natürliches Verhalten ausleben können. Ein Huhn im Käfig kann das nicht. Tierwohl meint dagegen nur die Abwesenheit von Hunger, Durst oder anderen Unannehmlichkeiten. Wer sich Tierwohl auf die Fahnen schreibt, folgt keinen klaren Standards. Auch beim Tierwohl-Label bleiben Supermärkte und Bundesregierung schwammig, was tatsächlich an Tierschutz drinsteckt. 

3. Was läuft denn noch falsch beim Tierschutz?

Vieles. Unsere Tiere werden immer noch den engen Ställen angepasst, nicht die Ställe den Bedürfnissen der Tiere. Schweinen werden die Ringelschwänze kupiert, damit mehr in einen Stall passen, ohne sich gegenseitig anzufressen. Hühner werden Schnäbel teilamputiert, damit man sie enger zusammenpferchen kann. Männliche Küken werden geschreddert; Ferkel gleich getötet, weil die Muttersau oft durch Hormone mehr Tiere gebiert, als sie Zitzen zum Säugen hat. Das sind Auswüchse einer Hochleistungszucht, die dem Leben keinen Wert gibt. 

4. Können Kennzeichnungen auf Eiern, Milch oder Fleisch das ändern?  

Die können sogar den Markt beeinflussen. Seit 2004 haben wir in Deutschland ja die Kennzeichnung von Eiern. Heute kaufen 98 Prozent der Deutschen Eier aus nicht-konventioneller Haltung. Das zeigt: Die Verbraucherinnen und Verbraucher kaufen Tierschutz – sobald sie ihn erkennen können. Die Politik muss endlich dafür sorgen, dass die Haltungsform auf allen tierischen Produkten erkennbar ist.  

5. Sollte das Thema Tierschutz auch in der Schule behandelt werden? Wie?

Ein spannender Einstiegspunkt ist sicher die Macht der Konzerne. Die großen Unternehmen und Lobbygruppen der Fleischindustrie schaffen es immer wieder, Gesetze und Verordnungen zum Tierschutz abzuschwächen oder ganz aus dem Weg zu räumen. Die Tierwohl-Initiative ist da ein Beispiel. Auch sie will schärfere Vorgaben durch schwammige Regeln ersetzen, die sie sich selbst erdacht hat. Schule sollte solche Formen des Lobbyismus’ zum Thema machen. 

Im Gespräch:

Reinhild Benning

Reinhild
Benning

Reinhild Benning ist als Referentin für Landwirtschaft und Tierhaltung bei der Nichtregierungsorganisation Germanwatch tätig und hat selbst 15 Jahre in der Landwirtschaft gearbeitet, unter anderem in einem Ökolandbau-Kollektiv in der Nähe von Berlin.

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