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Keine Angst vor Fake News: Wie Schulen kompetenten Umgang mit Nachrichten vermitteln

Jugendliche laufen Gefahr, auf Fake News hereinzufallen. Es ist die Aufgabe der Schule, ihnen Nachrichtenkompetenz zu vermitteln. (c) cuncon - pixabay - CC0 Public Domain

Jugendliche laufen Gefahr, auf Fake News hereinzufallen. Es ist die Aufgabe der Schule, ihnen Nachrichtenkompetenz zu vermitteln. (c) cuncon - pixabay - CC0 Public Domain

14.12.2017

Fake News und Nachrichtenkompetenz

Sie können Vorurteile schüren, Massen aufhetzen und im schlimmsten Fall Wahlen beeinflussen. Fake News sind spätestens seit dem US-Wahlkampf 2016 in aller Munde. Nur die Bildungspolitik hat das Thema anscheinend noch nicht auf der Agenda, wie die Studie „Nachrichtenkompetenz durch die Schule“ zeigt. Zum Glück gibt es ein paar einfache Tricks und Grundlagen, die Lehrkräfte ihren Schülern ganz einfach vermitteln können.

Schülerinnen und Schüler von heute kennen eine Welt ohne Internet nicht mehr. Für sie ist es ganz normal, ihre Nachrichten aus sozialen Netzwerken zu bekommen und sich in Blogs über aktuelle Ereignisse zu informieren. Man könnte sagen, sie leben in einer komplett neuen Realität, in der es nicht mehr selbstverständlich ist, dass Journalisten Informationen prüfen und aufbereiten. Diese Verantwortung kommt nun jedem selbst zu. In diesem Trend liegt gleichzeitig die Gefahr, dass Jugendliche leichter auf Fake-News hereinfallen, also bewusst gestreuten Falschmeldungen im Internet Glauben schenken.

Wie eine Studie der Universität Stanford herausgefunden hat, konsumieren Jugendliche Nachrichten aus sozialen Medien, ohne sich um deren Herkunft Gedanken zu machen. „Unsere 'digital natives' können vielleicht in Windeseile zwischen Facebook und Twitter wechseln, während sie ein Selfie auf Instagram hochladen, aber wenn es darum geht, die durch die sozialen Netzwerke fließenden Informationen zu bewerten, dann sind sie leicht zu täuschen", zitiert das Jugendmagazin „Vice“ die Autoren der Studie.

Demnach werde die Glaubwürdigkeit einer Nachricht an falschen Details festgemacht, beispielsweise bewerten viele Schüler einen nachrichtlichen Tweet anhand der Menge der enthaltenen Details oder daran, ob ein großes Foto dazugehört – nicht aber anhand der Quelle. Zudem zeigt diese Befragung von insgesamt 7.800 amerikanischen Mittelschülern (zwischen 10 und 14 Jahren), dass 82 Prozent nicht zwischen einem als „sponsored“ getarnten Werbetext im Nachrichtenformat und einer richtigen Nachricht unterscheiden könne.

Informationsbewertung als „große Herausforderung“

In Deutschland gibt es ebenfalls Studien, die Hinweise darauf liefern, dass Jugendliche in diesem Bereich Defizite haben, beispielsweise professionellen Journalismus nicht von Laienjournalismus oder Werbung unterscheiden können. Die Studie „Gerüchte im Netz: Wie bewerten Jugendliche Informationen aus dem Internet?“, durchgeführt vom österreichischen Institut für Jugendkulturforschung, zeigt außerdem, dass Jugendliche selbst von sich behaupten, Falschmeldungen nicht immer zu erkennen. 86 Prozent der Befragten gaben an, zumindest manchmal nicht sicher zu sein, ob die Informationen in einer Nachricht richtig oder falsch sind (bei 38 Prozent ist dies sogar „oft“ oder „sehr oft“ der Fall). Es ist daher nicht verwunderlich, dass 61 Prozent der Jugendlichen die Informationsbewertung im Internet insgesamt als große Herausforderung beurteilen.

Rebecca Renatus ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Kommunikationswissenschaft der Technischen Universität Dresden und forscht zu dem Thema Medien- und Nachrichtenkompetenz. Betrachtet sie bisherige Forschungen stellt sie vor allem einen Widerspruch fest: „Es scheint eine sehr starke Diskrepanz zwischen dem theoretischen Wissen und dem praktischen Handeln bei Jugendlichen zu geben.“ Die meisten Heranwachsenden wüssten, was Qualitätsmedien sind, nutzten diese aber selten; sie würden laut Studien den sozialen Netzwerken nur eine geringe Glaubwürdigkeit zugestehen, sie aber als beliebten Informationskanal nennen. „Das Problem ist, es gibt bisher keine verlässliche empirische Grundlage zur Nachrichtenkompetenz von Schülern“, sagt Rebecca Renatus. Manche Fragen könnten daher im Moment nicht eindeutig beantwortet werden. Was wissen deutsche Jugendliche bereits über Nachrichten und was wenden sie im Alltag von ihrem Wissen an? Was bekommen sie im Schulunterricht konkret vermittelt und in welchem Umfang? „Das ist eine Forschungslücke, die wir im nächsten Forschungsprojekt abdecken wollen“, so die Kommunikationswissenschaftlerin.

Zwei Dinge kann sie jedoch mit Sicherheit sagen: Erstens wird das Thema Nachrichtenkompetenz – auch angesichts der steigenden digitalen Informationsflut – immer wichtiger. Zweitens spiegelt sich die Relevanz des Themas in Bildung bisher nicht wider.

Lehrbücher legen den Fokus auf Printmedien

„Die Nachrichtenkompetenzförderung wird an Schulen noch vernachlässigt“, fasst Rebecca Renatus das Ergebnis der Studie „Nachrichtenkompetenz durch die Schule“ zusammen. Zusammen mit Lutz M. Hagen und Anja Obermüller von der Universität Dresden hat sie dieses Forschungsprojekt im Auftrag der Stiftervereinigung der Presse durchgeführt. Sie definieren Nachrichtenkompetenz als Fähigkeit, das Mediensystem zu verstehen und die gesellschaftliche Relevanz journalistischer Nachrichten zu begreifen, sie kritisch zu beurteilen und effektiv für ihre eigene Orientierung nutzen zu können. Sie ist damit ein Teil des übergreifenden Themas der Medienkompetenz.

Fünf Bereiche haben die Wissenschaftler für ihre Studie zur Nachrichtenkompetenz genauer untersucht: die Vorgaben der Kultusministerkonferenz (KMK), die Lehrpläne aller Bundesländer für die Klassen 5 bis 10 10 (für die Schulfächer Deutsch, Geschichte, Sozialkunde und Ethik), Unterrichtsmaterialien in Schulbüchern, die Ausbildung angehender Lehrkräfte anhand der Studiendokumente von Lehramtsstudiengängen sowie die Befragung von Lehramtsstudierenden in höheren Fachsemestern zu Ihrem Studium und Ihrer Nachrichtenkompetenz. Es zeigt sich, dass sich die Strategiepapiere der Kultusministerkonferenz beispielsweise gar nicht mit dem Thema Nachrichtenkompetenz auseinandersetzen, sondern ausschließlich mit Medienkompetenz.

Heraus kam außerdem, dass weniger als die Hälfte der Lehrpläne überhaupt auf das Thema Nachrichtenkompetenz eingeht – mit gravierenden Unterschieden zwischen den Bundesländern. „Schauen wir dann auf die Lehrbücher, zeigt sich, dass auch hier nur etwa die Hälfte das Thema aufgreift“, fasst Rebecca Renatus ein weiteres Ergebnis zusammen, „der Fokus liegt dabei außerdem vorrangig auf Printmedien. Das heißt, die Lehrbücher bilden nicht das aktuelle Mediennutzungsverhalten der Jugendlichen ab, das ja stark im Internet beziehungsweise in den sozialen Medien stattfindet.“

Der Klassenraum als Black-Box

Die Autoren der Studie fordern, dass das Thema Nachrichtenkompetenz verbindlich in der Lehramtsausbildung verankert und insgesamt auf die bildungspolitische Agenda gesetzt wird, damit es sich langfristig auch in Lehrplänen und damit im Unterricht wiederfindet. „Als zentraler Bildungsinstanz obliegt es in erster Linie der Schule, die Grundlagen für einen kompetenten Umgang mit Nachrichten zu legen und dadurch ein funktionierendes demokratisches Gemeinwesen zu fördern“, schreibt Lutz Hagen in einem Aufsatz zur Studie.

Im Interview mit dem Schulportal für Verbraucherbildung betont Rebecca Renatus aber noch einmal ausdrücklich, dass sie zusammen mit Lutz Hagen und Anja Obermüller lediglich die Voraussetzungen für eine nachrichtenkompetente Ausbildung in der Schule untersucht hat. „Wir können mit unserer Studie nicht beantworten, wie es wirklich in den Klassenräumen aussieht“, so die Dresdner Kommunikationswissenschaftlerin. „Das heißt, die Lehrbücher bilden nicht das aktuelle Mediennutzungsverhalten der Jugendlichen ab, das ja stark im Internet beziehungsweise in den sozialen Medien stattfindet.“

Praktische Tipps in der Schule vermitteln

Rebecca Renatus würde sich wünschen, dass Lehrkräfte Diskussionen über die aktuelle Nachrichtenlage insgesamt stärker im Unterricht aufgreifen würden. „Anhand dieser aktuellen Themen kann man dann mit den Schülern reflektieren, wie sie überhaupt zu den Informationen gekommen sind und welche weiteren Rechercheschritte sie unternommen haben.“ Daran schließe sich ganz automatisch die Frage an, wie man vertrauenswürde Nachrichten erkennt und wie man Fake News davon unterscheiden kann.

„Wenn ihr auf bestimmte Merkmale achtet, könnt ihr schnell erkennen, ob es sich um eine echte oder um eine Fake News handelt“, sagt der YouTuber „Mr Trashpack“, der zusammen mit der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) ein Webvideo-Projekt zum Umgang mit Falschmeldungen im Internet umgesetzt hat. Er gibt seinen Zuschauern zunächst diesen Rat: „Wenn ihr eine Überschrift lest, die bei euch Wut, Trauer oder Ärger auslöst, dann ist das ein erster Indikator, dass es sich um eine Fake News handeln könnte.“ Dann lohne es sich, genauer hinzuschauen und zu prüfen.

Die Webseiten von Klicksafe und Saferinternet.at, empfehlen beispielsweise diese vier Schritte zur Prüfung einer Nachricht:

  1. Die Quelle überprüfen (Wer sind die Autoren? Welche Quellen werden angeführt? Gibt es ein Impressum auf der Seite?)
  2. Faktenlage checken (Berichten auch andere, seriöse Medien über den Fall? Kommen die Zitate der Personen im Text auch in anderen Texten in gleicher Weise vor?)
  3. Die Bilder prüfen, zum Beispiel durch eine Rückwärts-Bildersuche bei Google (Wurden Bilder aus anderen Kontexten verwendet?)
  4. Aktualität beachten (Handelt es sich überhaupt um neue Informationen?)

Kommt Internetnutzern eine Nachricht nicht vertrauenswürdig vor, sollten sie sich vor allem bei umstrittenen oder sensiblen Themen außerdem diese Fragen stellen:

  • Wer steckt hinter der Nachricht?
  • Wie sind die Inhalte dargestellt (sachlich oder reißerisch)?
  • Was ist die Intention dahinter?
  • Wie ist der Gesamteindruck der Quelle?

Sollten sich Jugendliche aber auch Lehrkräfte nicht sicher sein, ob es sich um eine Falschmeldung handelt, können sie sich auch an professionelle Faktencheck-Teams wenden oder auf journalistischen Portalen nach Hintergründen recherchieren. Die österreichische Non-Profit-Organisation Mimikama hat es zum Ziel erklärt, über Internetmissbrauch aufzuklären und untersucht aktuelle Meldungen auf ihren Wahrheitsgehalt. Inzwischen bietet Mimikama zusammen mit Saferinternet.at auch Aufklärungsarbeit an Schulen an. Zudem haben Internetnutzer die Möglichkeit Falschmeldungen zu melden oder zweifelhafte Nachrichten prüfen zu lassen.

Journalistische Recherchen zu Fake News

Auch das 2016 gegründete Fact-Checking-Portal „Hoaxmap“ hat es inzwischen zu einiger Bekanntheit geschafft. Das Team von hoaxmap.org überprüft vor allem Gerüchte, die über Flüchtlinge und Asylsuchende kursieren.

Als journalistisches Projekt hat sich in Deutschland vor allem das stiftungsfinanzierte Recherchezentrum Correctiv einen Namen gemacht. Die Journalisten und Fact-Checker von correktiv veröffentlichen ihre Recherche zu Fake News unter dem Label „echtjetzt“. Und auch die öffentlich-rechtlichen Medien kümmern sich seit April 2017 mit ARD-Faktenfinder um das Entlarven von Falschmeldungen – und erreichte vor allem vor der Wahl hohe Zugriffszahlen, wie der Redaktionsleiter Patrick Gensing gegenüber dem Deutschlandfunk berichtet.

„Wir merken, dass das Thema offenbar sehr viele Menschen bewegt und beschäftigt“, so Gensing. Das gilt vor allem für die Generation, die in der digitalen Welt zu Hause ist.

Im Gespräch:

Rebecca Renatus

Rebecca Renatus
Rebecca
Renatus

Rebecca Renatus arbeitet seit 2012 als Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Kommunikationswissenschaft der Technischen Universität Dresden und forscht zum Thema Medien- und Nachrichtenkompetenz. Sie war unter anderem an dem von der Sächsischen Landesanstalt für privaten Rundfunk und neue Medien geförderten Forschungsprojekt „JuMiS“ (2012-2014) beteiligt, in dem 2.230 Jugendliche aus Sachsen zu ihrer Mediennutzung und Medienkompetenz befragt wurden. Zuletzt arbeitete sie an dem Projekt „Nachrichtenkompetenz durch die Schule“ mit, das 2015 bis 2017 im Auftrag der Stiftervereinigung der Presse durchgeführt wurde. Die multimethodische Studie untersuchte die Voraussetzungen der Nachrichtenkompetenzvermittlung in der Schule und Lehrerausbildung.

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