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„OER können schlechten Unterrichtsmaterialien das Wasser abgraben“

(c) Representatives from Lumen Learning support faculty from across the state to reduce textbook costs by incorporating open educational resources (OER) into their classroom. The session was part of a Hewlett Foundation grant project based at the University - Photo by Kevin Bain/Ole Miss Communications - managing editor - flickr CC BY 2.0

12.10.2015

Fünf Fragen an… Prof. Leonhard Dobusch, Freie Universität Berlin

Offizielle Schulbücher, die sich frei verändern oder erweitern lassen und so immer aktuell bleiben – mit sogenannten „Open Educational Ressources“ (OER) wäre das möglich. Was sich hinter diesem Konzept verbirgt und wie die Verbraucherbildung davon profitieren könnte, weiß der Urheberrechtsexperte Leonhard Dobusch. Fünf Fragen an ihn. 

1. Herr Prof. Dobusch, frei zugängliche Unterrichtsmaterialien gibt es viele, auch zu Konsumthemen. Wie unterscheiden sich OER von ihnen?

Sie sind auch kostenlos, aber in offenen Formaten und unter freien Lizenzen verfügbar. Dadurch können sie ohne vorab Rechte klären zu müssen verändert, miteinander kombiniert und weiterverbreitet werden. OER können somit einen wachsenden Wissensstock abbilden. Das ist gerade bei Konsumthemen, die ja rasanten Änderungen unterliegen, ein Riesenvorteil. 

2. OER können aufbauen auf vorhandenem Wissen? Sind flexibel? 

Genau. Sie bieten großes Potenzial dafür, den Anspruch nach lebenslangem Lernen umzusetzen. Deswegen sollten meiner Ansicht nach herkömmliche Schul- und Lehrbücher vermehrt als OER im Internet zugänglich gemacht werden. Auf diese Weise wären sie einfach auffind- und nutzbar. Auf hochwertige, von der Öffentlichkeit ja finanzierte Materialien könnten dann alle zugreifen. Ich finde das eine Selbstverständlichkeit: Wer etwas bezahlt, soll es auch nutzen dürfen.  

3. Was verhindert das bis jetzt?

Die derzeitige Form der Lernmittelfinanzierung stammt noch aus prädigitaler Zeit. Sie ist ganz auf das gedruckte Buch ausgerichtet. Deshalb zögern Verlage, OER-Lernunterlagen anzubieten. Sie fürchten, dann nicht mehr genug am Verkauf gedruckter Bücher zu verdienen. Lösen ließe sich dieses Dilemma mit einer Vorfinanzierung von Lernunterlagen.

4. Wie könnte die aussehen? 

Die Lernmittelfinanzierung muss lizenzneutral gestaltet sein. Sie muss Anreize setzen, dass Schulen ihre Lernmittelbudgets in OER investieren können. Für Berlin habe ich das in einer Studie für die Technologiestiftung Berlin untersucht und ein Modell vorgeschlagen, das einen OER-Bonus vorsieht: Wenn Schulen Mittel für OER ausgeben, könnten sie diesen Bonus erhalten. Gerechtfertigt wäre der schon dadurch, dass die von diesen Schulen mitfinanzierten OER allen anderen Schulen zur Verfügung stünden.

5. Hätte das Folgen für den Wust schlechter Materialien im Netz?

Sicher. Wenn ich heute im Netz nach Unterrichtsmaterialen etwa zum Thema Versicherungen suche, finde ich viele kostenlose Angebote. Die sind aber oft interessengeleitet, stammen von Lobbygruppen oder Unternehmen und stellen Sachverhalte einseitig in ihrem Sinne dar. Wenn wir herkömmliche Schul- und Lehrbücher vermehrt als OER im Netz anbieten, graben wir schlechten Materialien das Wasser ab. Schlicht, weil OER durch mehr Qualität überzeugen. 

Im Gespräch:

Leonhard Dobusch

Leonhard
Dobusch

Leonhard Dobusch, Betriebswirt und Jurist, forscht als Juniorprofessor für Organisationstheorie an der FU Berlin zum Management digitaler Gemeinschaften und alternativen Urheberrechtslizenzen. Er bloggt regelmäßig bei netzpolitik.org und ist Herausgeber mehrerer Bücher rund um den digitalen Wandel.

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