Datum: 23.05.2023

Gesundheitsbildung geschlechtssensibel gestalten

Der 28. Mai ist seit 1987 der Internationale Aktionstag für Frauengesundheit. Unter dem Motto „Our Health. Our Rights. Our Lives.“ soll der Tag weltweit auf die gesundheitliche Lage von Frauen aufmerksam machen. Während sich die medizinische Forschung lange Zeit lediglich mit dem Körper des Mannes beschäftigte und gewonnene Erkenntnisse schlicht auf den Frauenkörper übertrug, entwickelt sich zunehmend ein Bewusstsein dafür, dass das Geschlecht Auswirkungen auf die Gesundheit hat*. Vertreter:innen geschlechtersensibler Medizin fordern daher, dass Geschlechtsunterschiede mehr Beachtung finden: in der Forschung, bei Diagnosen, mit Blick auf den Behandlungsansatz – und auch in der Präventionsarbeit, am besten schon in der Schule.

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Dieselbe Krankheit äußert sich bei Frauen oftmals anders als bei Männern. Der Herzinfarkt ist wohl das am meisten genutzte Beispiel dafür: Statt unter den als typisch geltenden Brustschmerzen, die in den linken Arm ausstrahlen, leiden Frauen zum Beispiel unter Schmerzen im Oberbauch und Übelkeit. Im Bereich der Arzneimittelforschung weisen Untersuchungen zudem darauf hin, dass Medikamente bei Frauen aufgrund physiologischer Unterschiede teils eine andere Wirkung erzielen.

Der Einfluss des Geschlechts auf das Gesundheitsverhalten

Doch nicht nur biologische Faktoren beeinflussen die Gesundheit: „Doing gender ist ein Stück weit doing health“, sagt Eva Wegrzyn, Mitarbeiterin des Essener Kollegs für Geschlechterforschung (EKfG) an der Universität Duisburg-Essen. Heißt: Durch die Gesellschaft vermittelte Geschlechternormen provozieren bestimmte Verhaltens- und Handlungsmuster, die wiederum die Gesundheit beeinflussen, wie schnelles Fahrrad- oder Autofahren, Drogen- und Alkoholkonsum oder eine streng regulierte Ernährungsweise, um Schönheitsidealen zu entsprechen. Allerdings: „Das Geschlecht ist dabei nicht die zentrale Kategorie, Klasse oder Migrationshintergrund spielen ebenfalls eine Rolle.“ 

Die verschiedenen nicht-biologischen Aspekte, die die Gesundheit beeinflussen können, thematisiert auch der Bericht „Gesundheitliche Lage der Frauen in Deutschland“ des Robert Koch-Instituts. Demnach haben etwa Unterschiede im Gesundheitsverhalten von Frauen und Männern die größte Bedeutung für die längere Lebenserwartung von Frauen. So trete gesundheitsgefährdendes Verhalten wie Tabakkonsum, ungesunde Ernährung und Risikobereitschaft bei Männern häufiger auf. Gleichzeitig sei dieses in Gruppen mit niedrigem Sozialstatus häufiger vertreten und führe dort zu einer höheren Sterblichkeit. Da die Unterschiede zwischen den Klassen bei Frauen allerdings geringer ausfallen als bei Männern, könne dies ebenfalls die höhere Lebenserwartung erklären. 

Tipps für die Präventionsarbeit

Ein Bewusstsein für die verschiedenen Einflussfaktoren zu schaffen, sei für die Präventionsarbeit entscheidend, sagt Eva Wegrzyn. Soll diese alle Schüler:innen erreichen, müssen sie für diese Zusammenhänge sensibilisiert werden. In dem vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Verbundprojekt „Health Literacy in Childhood and Adolescence“ zur Förderung der Gesundheitskompetenz von Kindern und Jugendlichen war es daher ihre Aufgabe und die von Dr. Maren Jochimsen, Geschäftsführerin des Essener Kollegs für Geschlechterforschung, genau darauf zu achten. „Es ist schon wichtig, Kinder und Jugendliche geschlechtersensibel anzusprechen“, sagt Jochimsen und gibt ein Beispiel: „In der Gesellschaft besteht die weitverbreitete Vorstellung, dass Frauen die Gesundheitsmanagerinnen der Familien sind. Wie schafft man es also, Jungen zu vermitteln, dass sie selbst für ihre Gesundheit zuständig sind, dass es dem eigenen Selbstbildnis nicht abträglich ist, sich als Mann für seine Gesundheit zu interessieren?“ 

Unterstützen können laut den beiden Wissenschaftlerinnen etwa offen formulierte Fragen, die Raum für Diskussionen bieten, wie „Was bedeutet Gesundheit für euch?“ oder „Was esst ihr zu Hause?“. Ganz wichtig: keine Stereotype zu reproduzieren – auch nicht unbewusst. „Beim Thema Ernährung darf ich nicht automatisch zu den Mädchen schauen, nur weil ich vielleicht davon ausgehe, dass sie sich eher dafür interessieren“, erläutert Jochimsen. Nicht nur im Verhalten und in den Formulierungen gehe es darum, alle gleichberechtigt anzusprechen, die Materialien müssten ebenfalls entsprechend gestaltet sein. In Abbildungen und Fallbeispielen sollten sich beispielsweise diverse Familienkonstellationen wiederfinden, Personen mit migrantisch wahrgenommenen Namen, Schwarze** Menschen sowie Frauen, die sportlich aktiv sind, und Männer, die zu ihren gesundheitlichen Einschränkungen stehen. Hilfreich sei es zudem, wenn die Schule als Institution im Alltag diese geschlechter- und diversitätsgerechte Ansprache vorlebe und Gesundheitskompetenz unter der Leitfrage umsetze: Wie wecke ich das Bewusstsein aller Schüler:innen dafür?

Anmerkungen

* Die medizinische Genderforschung unterscheidet bislang überwiegend zwischen Mann und Frau. Aussagen zu trans und nicht-binären Menschen sind daher nicht möglich, weshalb sich der Beitrag auf die binären Geschlechter beschränkt.

** Das Adjektiv „Schwarz“ wird in diesem Beitrag großgeschrieben, um darauf aufmerksam zu machen, „dass es kein wirkliches Attribut ist, also nichts ‚Biologisches‘, sondern dass es eine politische Realität und Identität bedeutet“, wie Noah Sow, Autorin, Dozentin, Künstlerin und Aktivistin, in ihrem Buch „Deutschland Schwarz Weiß – Der alltägliche Rassismus“ erklärt. Schwarz, so Sow, ist „die politisch korrekte und vor allem selbstgewählte Bezeichnung für Schwarze Menschen“.

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Materialien zum Artikel

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Ernährung und Gesundheit

Unterrichtsmaterial: Pausenlos gesund

Die Unterrichtseinheit bietet vielfältige Impulse und vermittelt vielschichtiges Wissen, um die Gesundheitskompetenz der Schüler:innen zu stärken. In verschiedenen Modulen werden Themen behandelt wie die Funktionsweise des Gesundheitssystems, die Rechte als Patient oder wie man Arzneimittel richtig anwendet.
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